Impressionen unter Volldampf

Von Achim Manthey

Eisenbahnromanik dürfte vielen Menschen eher fremd sein. Die famose Retrospektive mit rund 150 Arbeiten des amerikanischen Fotografen O. Winston Link im Münchner Kunstfoyer könnte das ändern.

Foto: © ama.weitwinkel

Da hätte auch High Noon gedreht worden sein können, jener legendäre Western des Regisseurs Frank Zinnemann aus dem Jahr 1952, der hier unter dem Titel 12 Uhr mittags bekannt ist. Die Fotografie von O. Winston Link zeigt eine eingleisige Bahnstrecke in der Provinz von Virginia, auf der sich eine schwarzen Dampf aus dem Schornstein speiende Lokomotive einem einfachen, weiß gestrichenen und als Station genutzten Holzhaus nähert. Und statt der drei Mordbuben aus dem Film, die am Bahnhof des fiktiven Städtchens Hadleyville auf ihren Gangsterboss Frank Miller warten zum Rachefeldzug an Marshall Will Kane, sieht man auf dem Bild die friedliche Familie Hampton – und ein vor einen Lastenschlitten gespanntes weißes Pferd namens Maud, dass das Haupt beugt vor dem einfahrende Dampfross, fast so, als habe es Ehrfurcht vor diesem das Pferd als Transportmittel ablösenden Ungetüm aus Stahl. „Old Maud verbeugt sich vor dem Virginia Cheeper“ hat O. Winston Link diese 1956 in Green Cove, Virginia, entstandene Aufnahme betitelt, die er zeitgleich mit zwei in gleicher Position platzierten Kameras in Schwarz-Weiß und in Farbe gemacht hat. In den detaillierten Aufzeichnungen, die er zu jeder seiner Fotografien hinterlassen hat, bezeichnet Link dieses „als das heiterste und schönste, das ich je gemacht habe“.

Ogle Winston Link, am 16. Dezember 1914 in New York geboren und dort am 30. Januar 2001 verstorben, wird durch seinen Vater, einen Lehrer, schon in jungen Jahren an die Fotografie herangeführt. Er wäre wohl gern gleich Fotograf geworden, besucht jedoch erst einmal die Manual Training High School in Brooklyn und nimmt 1933 ein Ingenieurstudium am dortigen Polytechnic Institute auf, das er 1937 mit dem Bachelor abschließt. Von 1937 bis 1942 arbeitet er als erster dort festangestellter Fotograf bei Carl Byoir Associates, einer der zu der Zeit größten PR-Agenturen des Landes. Der Job war das ideale Übungsfeld für ihn. Er hatte nie Fotografie studiert und mit Ausnahme seiner Amateuraufnahmen keinerlei Berufserfahrung in dem Bereich. Die Agenturarbeit half ihm, bestimmte Blickwinkel zu definieren und Arbeitsmethoden zu entwickeln, die für sein gesamtes Schaffen prägend werden sollten.

Nachdem die USA Ende 1941 in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren, wechselte Link als Projektingenieur und Fotograf in die mit dem Militär verbundene wissenschaftliche Forschungsabteilung der Columbia University, die in Mineola auf Long Island das Airborne Instruments Laboratory aufgebaut hatte. Seine Aufgabe bestand darin, die Erfindungen des Labors in exakten Dokumentaraufnahmen festzuhalten; er lernte dabei den Umgang mit der großformatigen Fotografie mit 8 x 10 Zoll-Fachkameras, was sich als hilfreich für seine spätere Arbeit erweisen sollte.

Nach Kriegsende entschließt sich Link, nicht in die Agentur von Carl Byoir zurückzukehren, sondern sich selbständig zu machen und ein eigenes Studio für Werbe- und Industriefotografie zu eröffnen. Er hat damit auf Anhieb Erfolg. Bei einer Auftragsreise lernt er die Norfolk & Western Railroad kennen, eine Eisenbahngesellschaft, die als einziges Unternehmen ihren Zugverkehr noch ausschließlich mit Dampflokomotiven bestritt, die sie auch selbst bauten. Link hatte sein großes fotografisches Thema gefunden.

Ein Autokino, ein Swimmingpool mit Badegästen, eine Schiffswerft, eine Geisterstadt. All das und noch vielmehr bilden die Kulisse für die Dampflokomotiven, die durch die Bilder donnern, so realistisch, dass der Betrachter meint, das Stampfen der Maschinen, das Pfeifen und Läuten der stählernen Giganten zu hören. Von 1955 bis 1960, als auch die Norfolk & Western Railroad ihre Dampfrösser in den Ruhestand schickte und seine Lokomotiven-Flotte „verdieselte“, waren es insgesamt zwanzig Fotoreisen entlang der von dieser Gesellschaft befahrenen Strecken; es entstanden mehr als 2400 Aufnahmen, die meisten in Schwarz-Weiß, aber manche auch in Farbe.

Allen Fototerminen gingen akribische Planungen des Fotografen voraus. Da er mit seinen Großformatkameras überwiegend in der Dämmerung oder nachts fotografierte, mussten der Aufbau von Scheinwerfern und Blitzgeräten sowie der Aufnahmegeräte in maßstabgetreuen Skizzen aufwändig errechnet und dargestellt und das Equipment exakt danach platziert werden, um die Szenerie so auszuleuchten, dass Link zufrieden sein konnte. Denn „da ich in der totalen Dunkelheit nur den Scheinwerfer der Lokomotive erkennen konnte, wusste ich erst, nachdem das Blitzlicht ausgelöst war, dass ich das große Los gezogen hatte. Die Class-A-Lok mit ihren schönen Rauchschwaden, und alles genau in Reih und Glied“, schreibt er in einem seiner Tagebücher. Umfang, Sorgfalt und Genauigkeit der Arbeit lässt sich in der Ausstellung anhand zahlreicher Aufzeichnungen des  Künstlers nachvollziehen.

Geld war mit diesem freien Projekt allerdings nicht zu verdienen. Aber findig wie er war finanzierte O. Winston Link einen Teil seiner Projekt unter anderem, indem er unterwegs die Fahrgeräusche, das Pfeifen, Läuten und Tuten der Dampflokomotiven aufnahm und auf insgesamt fünf Schallplatten herausbrachte. Auf manchen dieser Aufnahmen hat sich auch Vogelgezwitscher dazwischengemogelt, wovon sich Ausstellungsbesucherinnen und -besucher an Hörstationen überzeugen können. Immerhin: diese Tonträger fanden – verrückte Welt, verrücktes Land – in den Fünfziger- und Sechzigerjahren durchaus zahlreiche Abnehmer.

Die von Isabel Siben kuratierte Ausstellung zeigt anhand von etwa 150 Aufnahmen große, zumeist nächtliche Fotoinszenierungen. Sie sind nicht nur die künstlerische Dokumentation einer im Sterben begriffenen Verzehrstechnologie, sondern ebenso der städtischen wie provinziellen Architektur und der Landschaften, die die Gleise zerschneiden. Und vor allem auch – und dies in bester Tradition der Security Farm Administration  der 1930er und 40er Jahre – eine Studie der Lebensverhältnisse von Bahnmitarbeitern und der Bevölkerung.

Es geht in der sehenswerten Schau also nicht nur um Eisenbahnromantik.

O. Winston Link. Retrospektive bis zum 26. Januar 2020 im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung, Maximilianstraße 53 in München, täglich 9 bis 19 Uhr (24./25./31. Dezember geschlossen), Eintritt frei. Anstelle eines Katalogs wurde in einer limitierten Auflage von 1000 Exemplaren ein Buch-Portfolio mit 100 Schwarz-Weiß- und Farbaufnahmen aufgelegt, das für 80 Euro erhältlich ist. 

Aus rechtlichen Gründen müssen die im Beitrag gezeigten Fotografie nach Beendigung der Ausstellung leider entfernt werden.