Harter Stoff

Von Achim Manthey

Der Greif „Blame the Algorithm“, Forum 50 im Münchner Stadtmuseum, Ausstellungsansicht 1 (© Der Greif)

Die 50. Kabinettausstellung der Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum wurde von der vielfach ausgezeichneten Organisation für zeitgenössische Fotografie „Der Greif“ gestaltet. Entstanden ist eine interaktive Installation, die sich damit auseinandersetzt, was in der Bildpräsentation noch zeigbar ist und was nicht mehr geht. 

Man nennt sie Content Moderatoren. Meist junge Frauen und Männer, die irgendwo auf der Erde in abgedunkelten Großräumen vor Computerbildschirmen sitzen und im Auftrag von Online-Plattformen wie FacebookInstagram & Co. die von deren Nutzerinnen und Nutzern ins Netz gestellten Bilder daraufhin überprüfen, was nach den vom Unternehmen festgelegten Kriterien noch öffentlich gezeigt werden kann und was nicht. Fotografische Qualität, Kunst gar, ist dabei kein Prüfstein. Und es geht auch nicht allein um die bekanntermaßen verpönten bildlichen Darstellungen entblößter, zumeist weiblicher Oberkörper, sondern darum, was als zu privat, zu still, zu gewalttätig, zu politisch, zu subversiv oder zu explizit zu beurteilen ist, um online geteilt zu werden und daher nach den vorgegebenen Maßstäben zu sperren und/oder zu löschen ist.

Das Team „Der Greif“ (Foto: © Der Greif)

Der Greif ist ein 2008 gegründetes, auch international vielfach ausgezeichnetes Kollektiv für zeitgenössische Fotografie, das sich mit aktuellen Themen zur fotografischen Bildproduktion, -distribution und -rezeption beschäftigt und international arbeitenden, aufstrebenden Fotografinnen und Fotografen eine Plattform bietet. Die hierzu durchgeführten Projekte verbinden physische und virtuell Räume. Jährlich erscheint hierzu eine gedruckte Publikation, die seit 2018 von Gastautoren gestaltet wird, die darin mit ihren eigenen künstlerischen Arbeitsmethoden das grundlegende Konzept der De- und Rekontextualisierung fotografischer Bilder umsetzen.

Für die aktuelle, die 12. Auflage des Magazins mit dem Titel „Blame the Algorithmus“ konnte das international renommierte britisch-südafrikanische Künstlerduo Adam Bloomberg und Oliver Chanarin gewonnen werden. Die starteten einen Aufruf, solche fotografischen Bilder einzusenden, die niemals auf FacebookInstagram oder anderen sogenannten sozialen Medien gezeigt werden würden. Eine Vielzahl von fotografischen Arbeiten unterschiedlicher Bildautorinnen und -autoren ging ein, die explizit offensive und sexuelle, aber auch ruhige, eher alltägliche Motive widergeben. Die Gastkuratoren gaben ihre Rolle als Editoren an einen ehemaligen Content Moderator ab, der lange Zeit Bilder für Facebook kontrolliert hatte.

Was die Moderatorinnen und Moderatoren da täglich zu sehen bekommen, ist nicht nur in hohem Maße ermüdend, geschmacklos oder primitiv, sondern oftmals harter Stoff. Die Anbieter von Online-Plattformen setzen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die über die Zulassung oder Zensur von hochgeladenen Bildinhalten entscheiden müssen, einer Vielzahl traumarisierender Medieninhalte aus. Es sind Konfrontationen mit jeglicher Form physischer und psychischer Gewalt bis hin zu Enthauptungen von Menschen, wie das ebenso bekannte wie unrühmliche Beispiel eines Videos des IS belegt hat, das vor geraumer Zeit durch die Öffentlichkeit geisterte.

Der Greif #12 Titel und Rückseite. Fotografie Titelseite von Martha Friedel, Fotografie Rückseite von Milan Gies (© Der Greif)

Die Printausgabe „Blame the Algorithm“ unterteilt die verschiedenen Bilder nach „Good“ und „Bad“ und stellt sie einander gegenüber. Das Magazin kann gewendet werden und überlässt dem Betrachter damit die Wahl der Rubrik. Die Forumsausstellung im Münchner Stadtmuseum zeigt eine interaktive Installation mit einer von Rudolf Scheutle und Daria Bona kuratierten Auswahl von Arbeiten, mit der unter dem Titel „Public / Private“ die Kategorisierung des Magazins aufnimmt und die Betrachterin und den Betrachter auffordert, sich den Bildern zu nähern, diese zu berühren und mit ihnen umzugehen. Dabei sind Bildbeispiele, die öffentlich unzeigbar sind und dabei auch die museale Zensurebene berühren, abgedeckt und die Abdeckungen mit der Aufschrift „Censored“ versehen.

Die Ausstellung bricht mit gängigen Sehgewohnheiten und den klassischen Präsentationsformen von Fotografie. Und sie stellt Fragen nach dem eigenen Nutzungsverhalten des Internets und sozialer Medien, nicht zuletzt auch nach unserer eigenen Komplizenschaft in und mit der kommerzialisierten Bilderwelt und den eigenen Verhältnis zu Öffentlichem und Privatem.

Bis zum 6. Januar 2020 im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, Di. bis So. 10 bis 18 Uhr (24., 25. und 31.12. geschlossen).