Legenden

Von Achim Manthey

Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung in München anlässlich der Ausstellung „Magnum Manifesto“ (Foto: © ama.weitwinkel)

Noch bis Ende Januar zeigt das Münchner Kunstfoyer exklusiv in Deutschland die Ausstellung „Magnum Manifesto“. Eine Hommage anlässlich des 70. Geburtstags des berühmtesten Fotografenagentur der Welt. 

Mit Legenden ist das eine Sache für sich. Man weiß ja nie so ganz genau, wo die Grenze verläuft zwischen Dichtung und Wahrheit. Auch um die Gründung von Magnum Photos ranken sich allerlei Geschichten. Als gesichert kann jedenfalls gelten, dass damals weder eine Schusswaffe noch ein bissknackiges Speiseeis eine Rolle gespielt haben. Aber auch die bis heute hartnäckig sich haltende Mär, wonach Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger, David „Chim“Seymour und William Vandivert im Frühjahr 1947 im Café des MoMA in New York beim Mittagessen zusammensaßen und unter unter dem Einfluss einer Flasche Champagner in Übergröße, einer Magnum eben, die Bildung einer Fotografenkooperative beschlossen, unterliegt Zweifeln. Zumal einige der angeblich Anwesenden zu jener Zeit gar nicht in New York, sondern in aller Welt unterwegs waren, um an Fotoprojekten zu arbeiten.

Einen Beleg gibt es allerdings in Gestalt einer offiziellen Urkunde vom 22. Mai 1947, aus der sich die Eintragung einer „Magnum Photos, Inc.“ in das Handelsregister des County of New York ergibt. An diesem Tag befanden sich indes lediglich Capa und Vandivert in der Stadt. Gar nicht so unwahrscheinlich also, dass die Variante, wonach Robert Capa die übrigen Gründungsmitglieder per Brief oder Telegramm zur Zahlung einer Einlage von jeweils 500 US-Dollar als Beteiligung an einer zu bildenden  Agentur aufforderte, dem tatsächlichen Geschehen ziemlich nahe kommt. Aber die wahre Geschichte hat sich halt, wie Clément Chéroux in einem Text zur von ihm kuratierten Ausstellung schreibt, „im Laufe der Zeit in Zeit und Raum aufgelöst“.

Hintergrund für die Gründung von Magnum Photos war die Überlegung, gegenüber den großen Magazinen, Illustrierten, Tageszeitungen und Agenturen unabhängig zu sein und die Rechte an den eigenen Bildern besser zu sichern. Als eine Kooperative humanistisch gleichgesinnter Fotografinnen und Fotografen wollte man sich selbständig organisieren ohne sich von der Willkür und der Order von Bildredakteuren und den Sachzwängen vorgegebener Layouts unterwerfen zu müssen. Das schloss die Annahme von Auftragsarbeiten durch die einzelnen Fotografen nicht aus, ermöglichte aber, dass sie sich alle Zeit, die sie brauchten, nehmen konnten, um eigene Themen zu bearbeiten. Unter dem humanistischen Aspekt verstand man das Verantwortungsgefühl und den Respekt des Fotografen gegenüber der Welt und den Menschen. „Wir wollen uns nicht zu Domestiken der Presse machen lassen und uns auch unsere Themen selbst aussuchen, was zu dieser Zeit einer Revolution gleichkam“, so beschrieb es Henri Cartier-Bresson einmal. Und man hatte die Macht etwas durchzusetzen, was man heute im Urheberrecht – wenn auch bis heute leider nicht immer und überall – als selbstverständlich ansieht: dass nämlich jedes Bild nur mit dem Namen des Fotografen veröffentlicht werden darf beispielsweise oder dass die Rechte an Bildern, Negativen und Dateien beim Fotografen bleiben und Veröffentlichungen nur dann erlaubt sind, wenn die entsprechenden Rechte vorher eingeräumt wurde und dafür Honorar zu zahlen ist.

Die im Sommer 2017 zunächst im ICP New York und nun exklusiv in Deutschland im Münchner Kunstfoyer gezeigte Ausstellung „Magnum Manifesto“ zeigt sehr differenziert die Sicht der Magnum-Fotografen auf die großen Fragen und Ereignisse in den sieben Jahrzehnten vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in unsere Gegenwart. Sie gliedert sich in drei zeitlich definierte Blöcke mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Der Untertitel „Menschenrechte und Menschliches Unrecht“ bezeichnet den ersten Teil, der den Zeitraum 1947 bis 1968 umfasst. Hier sind zum Beispiel Arbeiten aus der wunderbaren Serie „Unser täglich Brot“ des deutsch-amerikanischen Fotografen Erich Hartmann zu sehen. Und Eve Arnold, erstes weibliches Mitglied der Agentur, lieferte 1951 eine Reportage über Wanderarbeiter auf Long Island. Sergio Larrain porträtierte die bettelnden Kinder von Santiago und Lenard Freed legte 1968 sein Buch „Black in White America“ vor. In diesen Zeitraum fiel auch einer der schwersten Momente der Agentur, als im Mai 1954 gleich zwei Fotografen, zuerst Werner Bischof in Peru und wenige Tage später Robert Capa in Nordvietnam, bei der Arbeit ihr Leben verloren.

Einen ganz anderen Ansatz dokumentiert der zweite Teil der Schau, der den Zeitraum 1969 bis 1989 umfasst und mit „Ein Inventar der Differenzen“ betitelt ist. Zwei Jahrzehnte, die ganz im Zeichen des Hedonismus, des Konsumdenkens und eines sich steigernden Individualismus standen. Und die Magnum-Fotografen waren mehr denn je mit corporate-Aufträgen beschäftigt und widmeten sich mehr und mehr auch persönlichen Projekten. Inge Morath reüssierte mit ihrer gemeinsam mit dem amerikanischen Künstler Saul Steinberg inszenierten Serie „Maskerade“. Beeindruckend die von Josef Koudelka fotografierte Reportage „Gypsies“ über Roma in der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Spanien und Frankreich.

„Endzeitgeschichte“ erzählt der dritte Teil aus den Jahren 1990 bis 2017, der – allerdings nicht überall – geprägt war vom Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des Kommunismus. Und das Thema Globalisierung spielte mehr und mehr eine Rolle.  Und die Fotografen der Agentur begannen sich mit Begriffen zu befassen, die in den Hintergrund traten, ja zu verschwinden begannen: Das kleine Buch „7 Communists Still Lives“ von Martin Parr erschien 2003, Jean Gaumy dokumentierte traditionelle Fischfangmethoden, und Peter Marlow den letzten Flug der Concorde, die 2003 zum letzten Mal flog. Ein Gemeinschaftsprojekt „Postcords from America“ von elf Fotografen nahm sich des für das Medium Fotografie noch einschneidende Ereignis der Schließung der Kodak-Werke an.

Die Arbeiten von weit mehr als 30 Fotografen von Christopher Anderson bis Patrick Zachmann repräsentieren einen umfassenden Überblick zu den vielfältigen Formen und den Wandlungen, denen die Agentur und ihre Fotografen über die sieben Jahrzehnte unterworfen waren. Zu sehen sind zahlreiche Fotografie-Ikonen von sehr berühmt gewordenen Fotografen, aber eben auch einer breiteren Öffentlichkeit eher unbekannt gebliebene Arbeiten von Fotokünstlern, deren Namen nicht so geläufig sind. Und gerade das ist es, was diese mächtige Präsentation so spannend macht.

Magnum Manifesto bis zum 27. Januar 2019 im Kunstfoyer der VersicherungskammerKulturstiftung, Maximilianstraße 53 in München, täglich von 9 bis 19 Uhr, Eintritt frei. Die deutsche Ausgabe des Katalogs ist bei Schirmer/Mosel erschienen und kostet 49,80 Euro. 

Aus rechtlichen Gründen müssen sämtliche im Beitrag gezeigten Fotografien nach Ende der Ausstellung vollständig gelöscht werden. 

 

 

 

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