The Man in Blue

Von Achim Manthey

Cash cool. Der GI Johnny Cash lässt seine Beine lässig aus dem Wagen baumeln (Foto: ©William Harrell)

Eine Ausstellung im Amerikahaus München beleuchtet die Zeit Anfang der 1950er, als der Countrystar Johnny Cash als Soldat in Landsberg am Lech stationiert war. 

Landsberg am Lech, 1951. Als dieser junge, einssiebenundachtzig lange, schlaksige Kerl den Laden betrat, konnte niemand, noch nicht einmal er selbst, auch nur entfernt ahnen, dass dieser Moment der Anfang einer Weltkarriere sein würde. Im Musikhaus Ballach, das es schon lange nicht mehr gibt, kaufte ein noch jugendlicher Amerikaner namens John R. Cash für stolze 20 Mark seine erste Gitarre. Seine Mutter hatte ihm in der Kindheit zwar erste Griffe auf dem Instrument beigebracht, aber richtig lernte er das Gitarrenspieles erst durch seinen Kameraden Orville Rigden, der wie er als Soldat auf dem Fliegerhorst Penzing stationiert war.

J. R. Cash (1932 bis 2003) – seine Mutter hatte ihm als Vornamen tatsächlich die Initialen J. R. verpasst – wächst als Sohn von Farmern in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Eltern hatten vom New Deal-Programm des Präsidenten Franklin D. Roosevelt profitiert und ein Stück Land zugewiesen bekommen, das sie bewirtschafteten und das sie mehr schlecht als recht über die Runden kommen ließ. John R., wie er sich nun nennt, da die Armee keine Initialen als Vornamen akzeptiert, geht auch wegen der schicken blauen Uniform“zur U.S. Air Force, wo er zum Funker ausgebildet und dem 12. Mobilen Funkschwadron zugeteilt wird. Vor die Wahl gestellt, im ewigen Eis von Alaska zu landen oder in Deutschland, entscheidet er sich für die angenehmeren Variante, nämlich für „Gutes Essen“ und „schöne Frauleins“, wie er später in seiner Autobiografie schreibt. Anfang Oktober 1951 trifft der 19-jährige auf dem Fliegerhorst Penzing ein.

Johnny Cash beim Segeln auf dem Chiemsee (Foto: © William Harrell)

Cash war von 1951 bis 1954 in Landsberg stationiert. Sein Job als Funker fand in mehr als beengten Verhältnissen statt. Zwischen 40 und 50 Leute arbeiteten in einer Schicht, eingepfercht zwischen Schreibtischen, Metallkisten und Kabelsalat, Kopfhörer aufgesetzt, vor sich eine Schreibmaschine und ein Empfänger. Seine Aufgabe: Abhören der sowjetischen Morsesignale. Der Legende nach war er der erste, der die Nachricht von Tod Stalins begangen hat. Sechs Tage Dienst, dann drei Tage frei, der ewig gleichlaufende Rhythmus. Bekannt ist, dass Cash, der sich später nach Beginn seiner Karriere als Countrysänger den Vornamen Johnny zulegte und ab den 1970er Jahren nur noch in schwarzer Kleidung auftrat, was ihm den Beinamen „Man in Black“ eintrug, in seiner Freizeit zum Skifahren nach Garmisch und zum Segeln an den Chiemsee fuhr, die Passionsspiele in Oberammergau, Schloss Neuschwanstein und die Münchner Wiesn besuchte.

Und er begann, Musik zu machen. Mit anderen Rekruten gründete er die Band „Landsberg Barbarians“, mit der er öffentliche Auftritte, zum Beispiel bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und auch außerhalb der Kaserne hatte. Einige seiner bekanntesten Songs, zum Beispiel der durch den Spielfilm „Inside the Walls of Folsom Prison“ inspirierte „Folsom Prison Blues“ oder „I Walk the Line“ und „Don’t Take Your Guns to Town“ entstanden in der Landsberger Zeit.

Die Jahre in Oberbayern gehören zu den am besten dokumentierten im Leben des Sängers. Aus der Not geboren entwickelte er sich nämlich zum einem eifrigen Briefeschreiber. Da den Mannschaftsgraden nur ein Telefonat pro Jahr erlaubt war, schrieb Cash seiner damaligen Freundin und späteren ersten Ehefrau Vivian Liberto zahlreiche Liebesbriefe, in denen er auch sein Leben und das in der Kaserne schilderte. Diese sind erhalten.

Gruppenbild, Johnny Cash in der hinteren Reihe, zweiter von links (Foto: © William Harrell)

Die Ausstellung im Amerikahaus München, die 2015/16 bereits im Neuen Stadtmuseum Landsberg gezeigt und von dessen Leiterin Sonia Fischer kuratiert wurde, thematisiert die amerikanische Truppenpräsenz und Johnny Cashs Stationierungszeit anhand seiner Briefe an Vivian Liberto sowie von  Aufzeichnungen und von Fotografien aus dem Privatbesitz des Sängers, letztere überwiegend aufgenommen von seinem damaligen Freund und Zimmergenossen William Harrell. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen und die erläuternden Texte führen den Besucher der Schau zurück in die Zeiten des Wiederaufbaus in der Zeit zwischen Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Sie zeigen auch, wie sich die als Besatzer gekommenen US-Soldaten in das städtische Leben integrierten und zu Freunden im Alltag wurden.

Im Sommer 1954 endete die Dienstzeit von Johnny Cash in Landsberg. So gut ihm, wie er später notierte, die Arbeit und das Leben in Bayern gefallen haben, so froh war er auch, aus „this cold wet place“ zurück nach Hause zu kommen. 1959 war er nochmal da, zusammen mit seiner ersten Frau Vivian. Ihr wollte er, der längst zum Star geworden war, doch zeigen, wo er seine Liebesbriefe an Sie geschrieben hatte. The Man Comes Around.

Die Ausstellung „Don’t Take Your Guns to Town – Johnny Cash und die Amerikaner in Landsberg 1951-1954“ noch bis zum 13. Januar 2019 im Amerikahaus, Barer Straße 19 a in München, Mo.-Fr. 10-17 Uhr, Mi. bis 20 Uhr, So. 10-16 Uhr (24.12.-1.1. und 6.1.2019 geschlossen).

 

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