Zwischen Kunst und Kommerz

Von Achim Manthey

Elizaveta Porodina, ohne Titel 2017 (Foto: © Elizaveta Porodina)

Unter dem Titel „Smoke & Mirrors“ zeigt die Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums eine kleine Werkschau mit Arbeiten der jungen Modefotografin Elizaveta Porodina

Elizaveta Porodina, ohne Titel, 2018 (Foto: © Elizaveta Porodina)

Musen. Dieser schöne, aus dem alltäglichen Sprachgebrauch fast verschwundene, ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheinende Begriff. In der Antike waren es göttliche Inspirationsquellen, die dem Künstler quasi von oben herab die Ideen eingaben. In der Neuzeit sind es dann doch eher Menschen aus Fleisch und Blut, Frauen zumeist, selten Männer, die diese göttlichen Eingebungsfunktionen übernehmen: Charlotte von Stein für Goethe beispielsweise, oder Camille Claudel für Auguste Rodin, Gala für Dalí, Jeanne-Claude für Christo, Yoko Ono für John Lennon und Kiki de Montparnasse und Lee Miller für Man Ray. Und häufig entwickelten sich aus diesen nicht selten auch erotischen Beziehungen eigene musische Weltkarrieren.

Auch die in München lebende Modefotografin Elizaveta Porodina spricht von ihren Musen, wenn die Rede auf die Modelle kommt, mit denen sie zusammenarbeitet. Sie baut intensive persönliche Kontakte zu ihren Models auf, mit denen sie ihre skurrilen und schrillen Inszenierungen wie in einer Art Rauschzustand konzipiert und umsetzt.

Elizaveta Porodina, ohne Titel 2017 (Foto: © Elizaveta Porodina)

Elizaveta Porodina, 1987 in Moskau geboren, kommt als Jugendliche mit ihrer Familie nach München. Auf ihr abgeschlossenes Psychologiestudium sattelt sie noch eine Ausbildung in Psychotherapie drauf und arbeitet zwei Jahre lang in dem Beruf. Ab 2013 widmet sie sich zunehmend und intensiv der Fotografie – und hat nicht zuletzt dank umfangreicher Aktivitäten in den sogenannten sozialen Medien rasch Erfolg. Inzwischen ist sie längst zu einer tragenden Größe für die internationalen Hochglanzmagazine geworden; ihre Arbeiten erscheinen unter anderem in der Vogue und in Harper’s Bazar.

Unter dem Titel „Smoke & Mirrors“ zeigt die aktuelle Kabinettausstellung der Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum eine kleine Werkschau mit Bildern und Werkreihen der Fotokünstlerin aus den vergangenen fünf Jahren. Die präsentierten Auftrags- und freien Arbeiten gehen über die reine, die klassische Modefotografie weit hinaus. Zu sehen sind teils verstörende Portraits, die von seelischer Zerrissenheit und düsteren Vorahnungen zeugen, surreal verfremdet und psychologisch aufgeladen sind. Durch Verwendung von milchigen oder mit Fett bestrichenen Glasscheiben, durch Bewegungsunschärfen, Mehrfachbelichtungen und den Einsatz von Spiegelungen und künstlichem Nebel erzielt sie Störeffekte, durch die sie die aus ihren Intentionen herrührende unüberwindliche Distanz zu ihren Mitmenschen, auch zu ihren Musen ebenso beleuchtet wie sie Methoden der Verstellung untersucht.

Elizaveta Porodina, ohne Titel, 2017 (Foto: © Elizaveta Porodina)

Kunsthistorische Anleihen an Surrealismus, Dadaismus und Kubismus finden sich ebenso wie Zitate aus Arbeiten beispielsweise von Picasso, Man Ray oder Edward Steichen. Und es finden sich durchaus Anklänge an die klassische Modefotografie, dort etwa, wo sie ihr Model in einem Lager mit Puppenköpfen posieren lässt. „Porodinas Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und kommerzieller Fotografie, letztlich bezahlen ihre Kunden für eine Impression oder ein Image, das sie zu vermitteln weiß und nicht für ein Werbefoto, das, den Konsum stimulierend, in Szene gesetzt ist“, beschreibt es Katharina Zimmermann, die Kuratorin der Ausstellung.

Mit rund 130 fast durchwegs kleinformatigen, ungerahmten Fotografien,  die in nachgerade wilder Petersburger Hängung präsentiert werden und fast wie eine Reminiszenz an zugeposterte Jugendzimmer aus der Teenagerzeit anmuten, ist es eine mächtige Schau. Die Bilder bieten keinen direkten und offenen Zugang zum Dargestellten und entwickeln sich durch ihre intime, träumerische, bisweilen entrückte Stimmung zu Projektionsflächen für Narrationen, Fantasien und Selbstreflexionen. Sehenswert.

Bis zum 20. Januar 2019 im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1 in München, täglich außer montags 10 bis 18 Uhr

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