Stadt. Leben

Von Achim Manthey

Germaine Krull, Devant un grand magasin, Paris, um 1929 (Foto: © Stiftung Ann u. Jürgen Wilde/Pinakothek der Moderne, München)

In Arbeiten aus den 1920er bis 1940er Jahren haben sechs Fotografinnen und Fotografen die Stadt als kollektiven Lebensraum untersucht und die Menschen und ihre Lebensbedingungen beschrieben. Eine sehenswerte kleine Ausstellung in Münchens Pinakothek der Moderne erzählt davon. 

Friedrich Seidenstücker, Eisenbahnspiel, Berlin 1949 (Foto: © Stiftung Ann u. Jürgen Wilde/Pinakothek der Moderne, München)

Wer nicht so viel hat, der braucht vor allem eines: Fantasie. So. wie der kleine Junge mit kariertem Hemd und kurzer Hose, der da versonnen und von der Welt um ihn herum abgewandt auf dem Gehstein an einer Berliner Straße sitzt und mit einer, wohl hölzernen, Lokomotive spielt. Geleise, Weichen und Bahnsteige hat der sich mit Kreide auf das Trottoir gemalt. „Eisenbahnspiel“ hat der Fotograf Friedrich Seidenstücker seine 1949 entstandene Schwarz-Weiß-Aufnahme betitelt.

Die Stadt: Offenbarung und Quälgeist, Bezugspunkt des Denkens und Handelns, anregender wie todbringender Lebensraum, Umwelt, in der sich gleichsam eine imaginäre wie reale Topografie im Kopf des Bewohners oder Besuchers entwickelt. Walter Benjamin, der literarische Berliner Flaneur, beschrieb es in der „Literarischen Welt“ vom 29. Dezember 1929 so: „Kaum hat man die Stadt betreten, so ist man beschenkt. Vergeblich der Versuch, nichts über sie zu schreiben.“

Noch augenfälliger ist dieses Phänomen im Sinne des Wortes für die zahllosen Fotografinnen und Fotografen, die sich seit jeher des Themas angenommen und sich der Kultur der Großstadt im urbanen Umfeld angenähert haben und Inspirationen für experimentelle Bildgestaltung und die Visualisierung eines Neuen Sehens fanden und bis heute finden. Andere richten ihr Augenmerk auf das soziale Gefüge der Großstadt, auf das alltägliche Leben und das dynamische Treiben der Menschen, das sie als Flaneure und Straßenfotografen auf ganz unterschiedliche Weise dokumentieren – und damit über die Jahrzehnte eine neue, inzwischen anerkannte fotografische Kunstform geschaffen und entwickelt haben.

Florence Henri, Arbeiter am Gare St. Lazare, Paris 1930/35 (Foto: © Stiftung Ann u. Jürgen Wilde/Pinakothek der Moderne, München)

Die kleine, feine Ausstellung „Um uns die Stadt“, kuratiert von Simone Förster aus den schier unerschöpflichen fotografischen Beständen der Stiftung Ann und Jürgen Wilde, zeigt Arbeiten von sechs Fotografinnen und Fotografen aus den Zwanziger- bis Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Große Namen sind darunter wie Aenne Biermann, Germain Krull, Florence Henri mit ihren avantgardistischen Arbeiten, Lichtdrucke von Man Ray, dokumentarische Aufnahmen von rheinischen Städten des Albert Renger-Patzsch sind zum sehen. Aber auch eher weniger bekannte Künstler wie Friedrich Seidenstücker, dessen Werk nach seinem Tod 1966 in Vergessenheit geraten und erst viel später wieder aufgefunden worden war, gibt es zu entdecken. Wie sein Zeitgenosse Robert Doisneau in Paris war Seidenstücker mehr als 20 Jahre lang als „Flaneur mit dem Fotoapparat“ in den Straßen Berlins unterwegs und hielt die kleinen, alltäglichen Begebenheiten, mithin die ungestellte Realität fest:

Friedrich Seidenstücker, Im Wedding, Berlin 1923 (Foto: © Stiftung Ann u. Jürgen Wilde/Pinakothek der Moderne, München)

Pfützenspringerinnen (hier lässt Henri Cartier-Bresson und sein Begriff von „richtigen Augenblick“ grüßen), Kinder bei ihren Spielen, Asphaltarbeiter oder ein Betrunkener, der von streng dreiblickenden Gendarmen abgeführt wird. Ein anderes Bild zeigt die Arbeitslosenspeisung in einem Hinterhof. Nichts ist zu sehen auf Seidenstückers Fotografien von dem Glamour, für den Berlin damals berühmt und berüchtigt war. Der Fotograf bewegte sich bevorzugt auf der Schattenseite, bei den so genannten kleinen Leuten, deren alltägliche Schicksale er dokumentierte – Geschichten, die aus der Zeit gefallen und dennoch oder gerade deshalb aktuell zu sein scheinen.

Bis zum 27. Januar 2019 in der Pinakothek der Moderne, Saal 8, Barer Straße 40, in München, täglich außer Mo. 10 bis 18 Uhr. 

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