Pralle Gesellschaftsbilder – Very British

Von Achim Manthey

Der Fotograf Martin Parr bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Souvenir. A Photographic Journey“ am 10. Oktober 2017 im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung in München (Foto: © Susanne Görtz Fotografie/oh)

Das Münchner Kunstfoyer widmet dem Magnum-Fotografen Martin Parr eine mächtige Retrospektive. Sie führt auf eine bunte fotografische Reise. Auch zu uns selbst. 

Morgen bring ich ihn um.

Ein Paar, Mann und Frau, beide nicht mehr ganz jung, sitzen einander gegenüber an einem Tisch. Er, großgewachsen, gerade sitzend mit durchgedrücktem Kreuz, die soeben angezündete Zigarette mittig im Mund, blickt geradewegs über sein Gegenüber hinweg ins Leere. Sie, eher schmächtig, einfacher brauner Mantel, Kompotthut auf dem Kopf, schaut unter sich auf ihre auf den Schoß gelegten Hände – und nestelt versonnen an ihrem Ehering. Worte sind da nicht mehr, mutmaßlich schon lange nicht, ersetzt durch schreiendes Sich-Anschweigen. Eine Szene, die jeder von uns, gleich welchen Alters, kennt, weil sie oder er selbst schon mal – oder gar chronisch – mit der Partnerin oder dem Partner so dagesessen und auf den loriotesken Gedanken gekommen ist, mit dem unter umgekehrten Vorzeichen dessen gezeichnete „Szenen einer Ehe“ enden.

Der Zyklus „Bored Couples“, zu der die beschriebene Fotografie gehört und für die sich Martin Parr schon 1992 zusammen mit seiner Frau Susie in Paris auch mal selbst inszeniert hatte, ist von entlarvender Komik, die einen Lachen macht, das mitten im Halse stecken bleibt.

Martin Parr zählt zu den bedeutendsten Dokumentarfotografen unserer Zeit und gilt als einer der Vorreiter einer neuen europäischen Farbfotografie. Er wird 1952 im britischen Epson in der Grafschaft Surrey geboren, studiert von 1970 bis 1973 Kunst und Design am Polytechnikum Manchester und arbeitet seither als freier Lichtbildner. Stark beeinflusst vom Werk seines Landsmanns  Tony Ray-Jones und insbesondere von William Egglestone, dem Pionier der künstlerischen Farbfotografie, entwickelt Parr seine eigene, eigenwillige und kritische-ironische Bildsprache, die ihn zu einem der umstrittensten und meistdiskutierten Kamerakünstler unserer Zeit macht. Den „Imperator des schlechten Geschmacks“ nannte ihn die amerikanische Fotografiekritikerin Vicki Goldberg einmal. Seit 1994 ist Parr Vollmitglied der Agentur Magnum. Seine Aufnahme dort war durchaus nicht unumstritten, Widerstände gab es vor allem aus der konservativen Fraktion der Agentur. Henri Cartier-Bresson meinte, der Brite sei „von einem anderen Planeten“. Aber, so erzählte es Parr in einem Interview, „dennoch erhielt ich schließlich die 66,6 Prozent der Stimmen, die für eine Mitgliedschaft erforderlich sind. In der Politik gilt so etwas als erdrutschartiger Sieg!“

Von 2004 bis 2012 lehrte Parr Fotografie an der University of Wales in Newport, seit 2013 ist er Gastprofessor an der Ulster University in Belfast. Seine mehrfach preisgekrönten Arbeiten waren und sind in zahlreichen Ausstellung weltweit zu sehen. Seine besondere Liebe gilt dem Fotobuch. Mehr als 100 Bücher mit eigenen Werken hat er veröffentlicht und weitere 30 herausgegeben, darunter gemeinsam mit Gerry Badger die dreibändige History of the Photobook. Seine umfangreiche Fotobuchsammlung hat er 2017 der Londoner Tate Gallery übergeben. Martin Parr lebt in Bristol, wo er die Martin Parr Foundation gegründet hat mit dem Zweck, sein eigenes Archiv zu bewahren und zugleich britische Dokumentararbeiten zu fördern.

Unter dem Titel „Souvenir. A Photographic Journey“ bietet die Münchner Ausstellung, die zuvor bereits in mehreren europäischen Städten gezeigt wurde, mit rund 200 Arbeiten in zehn Kapiteln einen Überblick über das mehr als 40-jährige Schaffen des britischen Künstlers. Umgeschönt und sehr direkt beleuchtet Parr gesellschaftliches Leben, Sitten und Gebräuche sowie Alltags und Konsumkultur. Sein Werkzeug: Mittelformat-Kamera mit Weitwinkelobjektiv und Ringlicht. Das Resultat: expressive, grelle Farbgebungen, die das Groteske der abgelichteten Szenen überzeichnen.

Eine Serie in Schwarz-Weiß, Mitte der 1970er Jahre entstanden und erst jetzt der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht, porträtiert geradezu liebevoll die Kleinstadt Hebden Bridge in West Yorkshire. Der 1999 veröffentlichte und aus 270 bestehende Zyklus Common Sense wird als dichte Wandinstallation präsentiert und ist eine nachgerade obsessive Auseinandersetzung mit dem Vulgären, Kaputten, Absurden – eine Enzyklopädie der globalen Konsumkultur in Nahaufnahmen und dem Motto Sausages, Brezn, Dildos. Think of England nimmt liebevoll satirisch die Identität Englands auf die Schippe. Und schon lange bevor es Smartphones und Selfiesticks gab hat Parr seit 1991 in Fotostudios, durch Straßenfotografen oder Fotoautomaten sich selbst in mehr als 600 Aufnahmen verewigt; eine Auswahl verschönt eine ganze Wand im Ausstellungsraum.

Das alles ist sehr heiter, meist komisch, immer auch entlarvend. Vieles davon hat man irgendwann irgendwo schon mal gesehen. Langweilig wird es einem in der Schau gleichwohl nicht. Sie lohnt durchaus mehrere Besuche.

Bis zum 28. Januar 2018 im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung, Maximilianstraße 53 in München, täglich von 9 bis 19 Uhr (24.,25. und 31.12. geschlossen). Der Eintritt ist frei. 

Aus rechtlichen Gründen müssen die zur Bebilderung dieses Beitrags zur Verfügung gestellten Fotografien nach Ende der Ausstellung vollständig gelöscht werden. Sie werden zu gegebener Zeit durch eine neutrale Aufnahme ersetzt werden. 

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