Empathie

Von Achim Manthey

Mark Steinmetz, aus der Werkreihe „Summer Camp“, 1986-2003 (Foto: © Mark Steinmetz)

Der in den USA sehr renommierte Fotograf Mark Steinmetz ist bei uns bisher vorwiegend Insidern ein Begriff. Das könnte sich nun ändern. Eine Werkschau mit erstmals in Deutschland gezeigten Arbeiten aus drei Jahrzehnten im Amerikahaus München bietet Gelegenheit, den Künstler und sein Werk kennenzulernen. 

So ein Tag im Ferienlager kann ganz schön anstrebend sein. Sich morgens in der Frühe draußen ordentlich einseifen, spielen, herumtoben, den ganzen Tag an der frischen Luft. Da kann es dann schon passieren, dass beim dem einen oder anderen Mädchen oder Jungen die Müdigkeit den Hunger besiegt und man über dem Essen einpennt. Der US-amerikanische Fotograf Mark Steinmetz war zwischen 1986 und 2003 in diversen Summer Camps unterwegs und hat das Leben dort für seine gleichnamige Bilderserie dokumentiert.

Mark Steinmetz, aus der Werkreihe „Summer Camp“, Hendersonville, NC, 1996 (Foto: © Mark Steinmetz)

Man sieht nur mit dem Herzen gut – das könnte als Motto über den Aufnahmen dieses Ausnahmefotografen stehen, die nun erstmals in Deutschland in einer Münchner Ausstellung gezeigt werden. Mark Steinmetz hat ein besonderes Gespür für Situationen, für Zustände, die unspektakulär sind, die jedem irgendwie bekannt vorkommen und in denen sich der Betrachter wiederkennt. Jedes Bild ist, einer Kurzgeschichte vergleichbar, Teil einer größeren, langfristig angelegten Erzählung. Jede Fotografie trägt Bedeutung und hat ihren eigenen Grund. Der Künstler verfolgt das beharrlich und mit Geduld, er hat dabei, nicht getrieben vom Spektakel der Tagesaktualität, alle Zeit, die er benötigt, um sich auf Situationen und sein Gegenüber einzustellen.

Mark Steinmetz, 1961 in New York geboren, wuchs in Boston und Iowa auf. Ein Kunststudium an der Yale-Universität bricht er ab und geht 1982 nach Los Angeles, wo er zu fotografieren beginnt. Schon bald erkennt er, dass die Schwarz-Weiß-Fotografie seine bildnerische Darstellungsform ist, die zeitlos wirkt und höchst geeignet, vorv allem auch unauffällige Situationen darzustellen. Dieser Linie ist er – im übrigen strikt analog und selbst in der Dunkelkammer arbeitend – bis heute treu geblieben. Seine Werle sind in zahlreichen Sammlungen vertreten, darunter das Museum of Modern Art in New York und das San Francisco Museum of Modern Art. Mark Steinmetz lebt in Athens, Georgia.

Mark Steinmetz, aus der Werkreihe „The Players“, 1986-1990 (Foto: © Mark Steinmetz)

Der Künstler zählt zu den feinsinnigsten und überzeugendsten Vertretern einer Bild-Poeten-Kultur, die in ihrer Direktheit gern der Straight Photography zugeordnet und in der Übersetzung mit Neusachlichkeit nur unzureichend getroffen wird. Im Gegensatz zu den Dokumentaristen wie Dorothea Lange, Gordon Parks oder Walker Evans (der 1971 in einem Interview einräumte, die Dokumentarfotografie sei interpretierbar), anders auch als die meist höchst emotionalen Arbeiten eines Lee Friedlander oder eines Robert Frank mit seiner Serie The Americans, und schließlich fernab von der zuweilen aggressiven Bildsprache Gerry Winogrands, der durch einen Zufall sein erster Lehrer war, erzählt Steinmetz in ruhigen, umspektakulären, indes charmanten und liebevollen Aufnahmen von der amerikanischen Lebenskultur abseits urbaner Aufgeregtheiten. Er hat ein Herz gerade für die einfachen Leute in der Provinz. Für die Kinder, die er zwischen 1986 und 1990 für seine Werkreihe „The Players“ porträtierte, junge Baseball-Spieler im Alter zwischen sechs und 13 Jahren, und zwar nicht diejenigen, die auf dem Platz stehen, sondern die nebendran an Spielfeldrand, die auf ihren Einsatz warten. Faszinierend die Aufnahme des Jungen, der gebannt auf seine Hand starrt, in der sich ein ganzes Knäuel kleiner dünner Schlangen windet. Oder das Bild der beiden alten Männer in ihren Rollstühlen, die sich, Hunde auf dem Schoß, auf einem Parkplatz treffen.

Wesentliches Medium des Fotografen ist das Fotobuch. Fünfzehn Titel hat er bislang veröffentlicht, die meisten sind lange vergriffen. Es ist die wohl intensivste Form der Bildbetrachtung, die einen Zugang zum Gezeigten erlaubt, der mit jeden Hin- und Her-Blättern wächst und mit der Zeit breiter wird. Steinmetz selbst wurde dadurch stark geprägt, wie er erzählt.

Die sehenswerte Ausstellung in München zeigt unter dem Titel „United States pt. 2“ (ein erster Teil war zuvor im Lothringer13 als Vorläufer zur diesjährigen FotoDoks, die als Gastland junge Dokumentarfotografie aus den USA gezeigt hatte, zu sehen) Arbeiten aus drei Jahrzehnten. Sie nehmen den Betrachter mit in den Alltag einer vielfältigen Mittelschicht, der sich so oder so ähnlich auch anderswo abspielen könnte. Entstehungsdaten fehlen ebenso wie Ortsangaben. Menschen jeden Alters und jeder Hautfarbe stehen nebeneinander. „Die Menschen, die ich fotografiere“, sagt er, „von denen weiß man nicht, wie sich ihr Leben abspielt, aber in diesem Moment, in diesem Licht, in dieser Situation sieht’s nach etwas aus. Ich glaube nicht so sehr an die Fotografie als Erzählerin der Realität.“ Nicht auszuschließen, dass gerade darin in Zeiten wie diesen die wahre Größe liegt.

Bis zum 7. Januar 2018 im Amerikahaus München, Barer Straße 19 a, Mo.-Fr. 10-17 Uhr, Mi. bis 20 Uhr, So. 10-16 Uhr, Eintritt frei. 

 

 

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