Die Obsession der Lichtbildnerin

Von Achim Manthey

Regina Schmeken, Fechten Nr. 6644, 2016 (Foto: © Regina Schmeken, courtesy Galerie Jordanow)

Noch bis diesen Samstag ist in der Münchner Galerie Jordanow eine Auswahl der faszinierenden Fotografien von Regina Schmeken zu sehen. 

Regina Schmeken, Fechten Nr. 6653, 2016 (Foto: © Regina Schmeken, courtesy Galerie Jordanow)

Es erscheint wie ein Tanz auf dem Drahtseil. Vor tiefschwarzem Hintergrund ist der Fechtboden in Höhe des goldenen Schnitts als helle Linie sichtbar. Darauf die Fechter im Wettkampf. Hart konturiert sind sie in den Aufnahmen wie Skulpturen antiker griechischer Kämpfer wirkend gleichsam eingefroren. Die Aufnahmen entstanden bei den Olympischen Spielen 2016 in Brasilien. Aus einer Vielzahl von digital gefertigten Reihenaufnahmen hat die Fotografin Einzelaufnahmen ausgewählt und umfassender Bearbeitung am Computer unterzogen. Die Münchner Ausstellung zeigt eine vierteilige Arbeit aus dieser Serie.

Regina Schmeken, Queen Elisabeth II beim Empfang durch den früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck im Schloss Bellevue, Berlin, 2015 (Foto: © Regina Schmeken, courtesy Galerie Jordanow)

Regina Schmeken studierte zunächst Kunstgeschichte und Germanistik in Essen, bevor sie sich 1976 als Autodidaktin der Fotografie zuwandte. Seit 1986 arbeitet sie als Redaktionsfotografin für die Süddeutsche Zeitung. Damals war der feinsinnige SZ-Redakteur Claus Heinrich Meyer, selbst ambitionierter Amateurfotograf,  auf ihre Arbeiten aufmerksam geworden und hatte sie zum Blatt geholt, für das Regina Schmeken seither als „politische Fotografin“ tätig ist und das politische Geschehen der Berliner Hauptstadtpolitik ebenso dokumentiert wie internationale Großereignisse, zum Beispiel Fußballweltmeisterschaften, Olympische Spiele oder, aktuell, die Frankfurter Buchmesse. Dabei hat sie eine ureigene, durch starke Nachbearbeitung, früher in der Dunkelkammer und heute digital („Ich liebe die neue Technik“), entstehende Bildsprache entwickelt, immer in Schwarz-Weiß und durch ein ausgeklügeltes System von Tongebungen, Licht und Schatten bis in kleinste Details hinein. Hiervon zeugen auch zwei in den Jahren 2013 und 2015 entstandene, in der Ausstellung erstmals öffentlich gezeigte Fotografien.

Zentrales Thema ihrer künstlerischen Arbeit ist die Auseinandersetzung mit Bewegungsabläufen. Die Darstellung von Körpern in Extremsituationen, wie sie beim Tanz oder beim Sport zu beobachten sind, die Choreografie und der Ablauf der Bewegungen sind es, die sie interessieren und die sie in extremen Lichtbildern festhält.

Regina Schmeken, Unter Spielern – Die Nationalmannschaft, EM Türkei-Deutschland, 2011 (Foto: Regina Schmeken, courtesy Galerie Jordanow)

So zeigt die Münchner Ausstellung neben den Fechtern auch Aufnahmen aus der Serie „Unter Spielern – Die Nationalmannschaft“, für die sie seit 2011 die deutsche Fußballnationalmannschaft zu internationalen Spielen begleitet hatte. Der Kunsthistoriker Willibald Sauerländer schrieb dazu: „Irgendwann musste diese Obsession  (…Bewegungen mit den Mitteln der Schwarz-Weiß-Fotografie sichtbar zu machen … Anm. d.A.) die Lichtbildnerin auf jenes Spielfeld locken, das mitten in der digitalisierten Industriegesellschaft etwas von der sinnlichen und mythischen Urtümlichkeit des physischen Agons  bewahrt hat: an den Kampfort des Sports… Nichts wäre abwegiger als Regina Schmeken eine Sportfotografin im alltäglichen Sinne zu nennen. Die Sportfotografie, welche mit ungeheurer Massenwirkung die Medien bedient, ist Reportage. Dagegen sind Regina Schmekens  Sportbilder intensiv und eindringlich bearbeitete und hoch reflektierte Ausdrucksstudien“. 2005 im Nationaltheater München entstandene Tanz-Studien vervollkommnen die Schau.

So ist es also kein objektiver Dokumentarismus, der die Fotografien von Regina Schmeken ausmacht, sondern eine aus der subjektiven Sicht der Künstlerin entwickelte Choreografie von Bewegungsabläufen, die sie darstellt und in faszinierender Weise an die Betrachter weitergibt.

Nur noch bis zum 28. Oktober 2017 in der Galerie Jordanow, Zieblandstr. 19 in München, D./Fr. 14-19 Uhr, Sa. 11-15 Uhr, Eintritt frei. 

 

 

 

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