Spurensuche

Von Achim Manthey

Eva Leitolf, Überfahrt, Melilla – Almería, Mittelmeer 2009 (aus: „Postcards from Europe“), 72 x 64 cm Inkjet Print, Text-Postkarten, Bayer. Staatsgemäldesammlungen, Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne, München (Foto: © Eva Leitolf/VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Seit Beginn des Mediums gehört die Dokumentation politischer und gesellschaftlicher Zustände und Konflikte zu den zentralen Aufgaben von Fotografie. In der Ausstellungsreihe „Global Prekär“ zeigt die Pinakothek der Moderne Arbeiten von sechs zeitgenössischen Fotokünstlern, die sich mit Flucht, Trauma und Erinnerung auseinandersetzen. 

Blau bespannte Liegestühle an Deck vor einer weißen Schiffsreling, im Hintergrund die ruhige, weite See in beginnendem Abendlicht. Kreuzfahrtfeeling. Wie die anderen ausgestellten Fotografien von Eva Leitolf – sie zeigen unter anderem eine Orangenplantage in Italien, einen Campingplatz auf der griechischen Insel Lesbos, den Athener Attika-Platz, einen strandabschnitt in Spanien oder eine Tankstelle nahe Szeged in Ungarn – wirkt auch dieses 2009 auf der Überfahrt mit der Mittelmeer-Fähre von der spanischen Enklave Mellila in Marokko nach Almería entstandene Bild fast beiläufig aufgenommen, wie ein Urlaubsfoto. Aber die Aufnahmen zeigen Schauplätze, die in engem Zusammenhang stehen mit den aktuellen Flüchtlingsdramen. Seit 2009 untersucht die 1966 in Würzburg geborene, in München und dem Bayerischen Wald lebende Fotografin Eva Leitolf, seit 2016 Trägerin des Kunstpreise der bayerischen Landeshauptstadt, mit ihrer als work in progress weiter verfolgten Serie „Postcards from Europe“ das Verhältnis Europas zu seinen Außengrenzen und dem nicht jeden wollenden Zustrom von Flüchtlingen. Sie hat die abgebildeten Orte erst aufgesucht, nachdem sich dort die Konflikte ereignet hatten. Daher zeigen die Fotografien nur andeutungsweise sichtbare Spuren von Ausgrenzung, Gewalt und Elend. Man ahnt etwas, ohne es eindeutig zuordnen zu können. Durch sachliche, auf harteFakten gestützte Texte, die auf Postkarten gedruckt sind, nimmt alles konkrete Gestalt an und verdichtet Bild und Text zu dem, was die Künstlerin in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung kürzlich „gesellschaftspolitische Tiefbohrungen“ nannte.

Seit jeher war und ist es eine wesentliche Aufgabe und Anliegen der Fotografie, politische und gesellschaftliche Zustände und Konflikte zu dokumentieren. Man denke an die frühen Aufnahmen von Roger Fenton oder Felice A. Beato aus dem Krimkrieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder an die schon engmaschige fotografische Dokumentation des amerikanischen Bürgerkriegs. Auch die fotojournalistischen Arbeiten von Hanoi Cartier-Bresson, Sergio Larrain, Robert Cape, Margaret Bourke-White geben Beispiele, ebenso Fotografen wie Walker Evans, Gordon Parks, Dorothea Lange oder Jack Delano, die zwischen 1935 und 1943 im Auftrag der Farm Security Administration (FSA) aufgrund des Massenelends und der tiefgreifenden sozialen Verwerfungen infolge des „Black Thursday“ vom 24. Oktober 1929 die Situation der amerikanischen Landbevölkerung dokumentierten. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortführen.

Die in der Münchner Ausstellung gezeigten zeitgenössischen Arbeiten setzen sich aus ganz unterschiedlicher Sicht mit Flucht, Trauma und Erinnerung auseinander. Der Amerikaner John Gossage legt in seinem als 124-teiligen Serie angelegten fotografischen Essay  „There and Gone“ in drei Kapiteln eine Betrachtung des Grenzgebiets zwischen den USA und Mexiko vor, seit Trump ein Werk von besonderer Aktualität. Schemenhaft werden Menschen am Strand von Tijuana, aufgenommen von US-amerikanischer Seite, präzisen Ausschnitten des durch Zäune gesicherten Niemandslands des Grenzstreifens und Detailansichten aus dem kalifornischen Alltagsleben mit Begriffen von mexikanischen Lotterienkarten, die keinen unmittelbaren Sinnzusammenhang zwischen Bild und Text ergeben aneinander gereiht.

Jeff Wall zeigt in seiner Inszenierung einen jungen, aus Anatolien stammenden Mann auf dem Weg nach Istanbul, das dieser über die monotone, wie ein Transitraum wirkende Vorstadt Mahmutbey zu erreichen sucht, die ihm weder Halt noch Orientierung bieten kann.

Roy Arden nimmt in seiner Serie „Abjection – Unterwürfig“ das in der kanadischen Geschichte lange verdrängte Thema der Enteignung, Internierung und zeitweisen Deportation der japanisch-stämmigen Bevölkerung nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour auf. „Waffenruhe“ nennt Michael Schmidt (1945-2014) sein rund fünfzig in den 1980er-Jahren entstandene Aufnahmen umfassendes Buch- und Ausstellungsprojekt, das vom Westteil des geteilten Berlin als Fragment der einstigen Metropole erzählt, durch die Mauer abgetrennt vom Ostteil der Stadt, ein „kapitalistischer Außenposten“, der am Tropf bundesdeutscher Zuschüsse hängt – und wo sich eine streitbare Subkultur von der Hausbesetzer-Szene bis zum Punk hin entwickelt hat. Eine Analyse, in der Verlust, Trauer, Schmerz und Wiederstand aufeinander treffen.

Anselm Kiefer schließlich. Zwei auf Dokumentenpapier vergrößerte Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen sein Dachbodenatelier. Auf dem sandigen Boden entdeckt man erst bei intensiver Betrachtung winzige Figuren, Panzer und Soldaten, wie eine nachgestellte Schlacht, über der eine „Dreieinigkeit“ aus Modellstühlen schwebt. Demgegenüber zeigt das zweite Bild beziehungslos herabhängende Seile, die nichts mehr halten, wie gekappt erscheinen sie. Die Fotografien, die 1976 neben anderen in seinen „Märkischer Sand“ betitelten Künstlerbüchern erschienen sind, nehmen Bezug auf die deutsche Geschichte, auf Krieg und Verwüstung.

Die in einem Raum gehängte, von Inka Graeve Ingelmann kuratierte Ausstellung ist sehenswert, ist sie doch eine Unterstützung und Hilfe bei der Bewußtseinswerdung über das, was lange unser Alltag ist. Sie lehrt einordnen.

Bis zum 1. Oktober 2017 in der Pinakothek der Moderne, Saal 28, Barer Straße 29, Kunstareal, in München, täglich außer Mo. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr, an Sonntagen ermäßigter Eintritt 1 Euro.

 

 

 

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