Sechs auf der Wiese

Von Achim Manthey

Para-Pagode der Münchner Künstlerin Alexandra Hendrikoff (alle Fotos © Markus Amon)

Mit der Ausstellung „Parasympathikus“ präsentiert das Münchner Bäckerei-Unternehmen Rischart unter dem Signet „RischArt“ schon zum 14. Mal ein Kunstprojekt im öffentlichen Raum. Noch bis zu diesem Sonntag sind die Arbeiten von sechs Künstlerinnen und Künstlern auf der Südwiese an der Alten Pinakothek in München zu sehen. 

Die täglichen Nachrichten hat Beate Engl in Musik verwandelt und fährt sie mit der Drehleier im Münchner Kunstareal spazieren

Ach, manchmal wäre es doch schön, bekäme man in Nachrichtenzeiten wie diesen die täglichen Meldungen wie einst durch Bänkelsänger in musikalischer Form präsentiert. Ist leider nicht so. Aber für kurze Zeit hat die Münchner Künstlerin Beate Engl mit ihrer Arbeit „Kolporteur“ etwas in der Art geschaffen. Mit einem Leierkasten, der einem römischen Streitwagen ähnelt, rallert sie durch das Münchner Kunstareal und verbreitet die Neuigkeiten des Tage durch Töne. Die Mühe und den Aufwand, den sie darauf verwendet, sieht man dem fertigen Werk nicht an. Schon am frühen Morgen eines jeden jungen Tages trifft sie die Auswahl an News und überträgt sie vermittels einer Stanzapparatur auf ein Band aus schwarzer Folie in Noten, die dann durch eine Drehorgel übertragen und durch das Kurbeln hörbar gemacht und, um den technischen Widersinn vollkommen zu machen, wiederum übersetzt in Worte auf einem LED-Laufband lesbar gemacht werden. Irre!

Wolfgang Ellenrieder wartet mit einem seltsamen Stelzenhaus auf, das im Unterboden Überraschungen bietet

Die Arbeit ist Teil des Ausstellungsprojekts Parasympathikus, für das der Münchner Zuckerbäcker Gerhard Müller-Rischart und sein Sohn Markus zwei Berliner und vier Münchner Künstlerinnen und Künstler eingeladen haben, sich mit dem Thema der Ruhe inmitten des pulsierenden Lebens in der Stadt auseinander zu setzen. Geht das überhaupt, das mit der Ruhe im urbanen? Bereits heute lebt jeder zweite Mensch weltweit in einer Stadt. Neben den vielen Möglichkeiten, die das Leben dort zur individuellen Entfaltung bietet, führt das Angebot bei vielen Menschen auch zu einer Reizüberflutung, die es schwer macht, einfach mal runter zu kommen, innezuhalten, sich abzugrenzen oder sich selbst wahrzunehmen. Es ist ein Spiel, ja ein Kampf der Nervensysteme, in dem sich der für Ruhe und Entspannung zuständige und daher auch „Herr des Schlafes“ genannten Parasympathikus und sein brüderliches Gegenüber, der für die Leistungssteigerung des Organismus vor allem in Stresssituationen verantwortliche Sympathikus gegenüberstehen. Bisweilen mit fatalen Folgen.

Bereits seit 1983 gibt es unter dem Signet RischArt Kunstprojekte im öffentlichen Raum, die im Turnus von zwei, drei Jahren an unterschiedlichen Orten in München veranstaltet werden. Der Initiator Gerhard Müller-Rischart, dem seit einigen Jahren sein Sohn Markus tatkräftig zur Seite steht, wurde für sein kulturelles und soziales Engagement mehrfach ausgezeichnet, darunter 2008 mit der Medaille München leuchtet in Gold. Und 2013 erhielten Vater und Sohn den Deutschen Kulturförderpreis.

Etwas sperrig kommt die dreiteilige Metallkonstruktion „Fenster zu Entspannung“ von Martin Wöhrl daher

Dort, wo sich sonst Sonnenanbeter und Fußballern tummeln, auf der Südwiese an der Alten Pinakothek, ist das diesjährige, wiederum von Katharina Keller kuratierte Projekt aufgebaut. Wolfgang Ellenrieder zeigt mit „Ein Dach über dem Kopf“ ein seltsames Stelzenhaus. Man kann gebeugt drunter hindurch laufen und findet im Boden der Struktur fünf Öffnungen, durch die man den Kopf stecken und in nicht minder sonderbare Welten eintauchen kann. Mit ihrer an der Ostseite des Areals aufgebauten „Para-Pagode“ hat Alexandra Hendrikoff eine luftige, schwebende, baldachinähnliche Installation aus Fallschirmseide, Gaze und getrockneten Pflanzen geschaffen, die an einen buddhistischen Tempel erinnert und zum Finden innerer Ruhe, Kontemplation und Selbstfindung einlädt.

Das Highlight für die Kid ist das Mini-Freibad „Offen lassen“ der Berliner Künstlerin Ina Weber

Eher sperrig kommt die Arbeit „Fenster zur Entspannung“ des Münchner Künstlers Martin Wöhrl daher, Die drei minimalistischen Konstruktionen aus rostigen und angekratzten Metallrahmen und -gittern sollen die Elemente Ruhe, Sicherheit und Entspannung symbolisieren, was sich indes nur schwer erschließt.

Da tut man sich mit „Offen lassen“ der Berlinerin Ina Weber schon leichter. Die Künstlerin hat mitten auf der Grünfläche ein Mini-Freibad mit Becken, Kacheln und kleinen, Monobloc-Gartenstühlen nachempfundenen, tatsächlich aber aus schwerer Bronze bestehenden Sitzgelegenheiten platziert. Besonders für die kleinen Besucher ist das die Sensation der Veranstaltung schlechthin.

Ganz bescheiden, fast ein wenig verloren und aufgrund seiner Farbe doch nicht zu übersehen steht es da, das „Blaue Tempelchen“, das der in Frankreich geborene und in Berlin lebende Künstler Vincent Tavenne da aus 64 hölzernen Einzelteilen zusammengesteckt und neben dem einstmals größten Museumsbau der Welt errichtet hat.

Das „Blaue Tempelchen“ von Vincent Tavenne ist ein kleiner Monopteros

Ein kleiner Monopteros, der das große, rund zwei Kilometer Luftlinie östlich entfernte Vorbild im Englischen Garten aufnimmt, ohne es zu kopieren. Nach den Worten des Künstlers ein vergängliches „Zierstück, das dem Besucher einen offenen Raum zum Verweilen, Nachdenken und Träumen anbietet“.

Das alles verliert sich etwas auf der weitläufigen Wiese. Und ist doch ein sommerlich heiteres, rundum gelungenes temporäres Vergnügen – das dann doch endlich ist und den Sonnenanbetern und Fuß- wie anderen Ballern weichen muss.

Jederzeit anzusehen. Finissage mit Katalogpräsentation am Sonntag, dem 16. Juli 2017, 12 Uhr auf der Südwiese an der Alten Pinakothek in München, Eintritt frei. Der Katalog kostet 5 Euro. 

 

 

 

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