Offene Geheimnisse

Von Achim Manthey

Ed Fornieles, Der Geist: Flesh Feast, 2016 (Courtesy by the artist, Arratia Beer, Berlin)

Für ein Gemeinschaftsprojekt haben die Eres-Stiftung und das Münchner Stadtmuseum erstmals kooperiert und untersuchen in zwei parallelen Ausstellungen unter dem Obertitel „no secrets! – Keine Geheimnisse“! aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Thema Kontrolle und Überwachung. Sie könnten kaum aktueller sein.

Ich will deine Daten. Protestplakat gegen die Volkszählung, um 1985 (© Münchner Stadtmuseum)

Zur Zeit treibt es der Staat wieder einmal besonders arg mit seiner Datensammelwut. Unter dem Deckmantel der Terrorabwehr hat der Deutsche Bundestag kürzlich buchstäblich bei Nacht und Nebel das Gesetz zur Einführung eines „Staatstrojaners“ beschlossen, das es deutschen Behörden ermöglicht, unter anderem Computer, Smartphones und Tablets zu infizieren, um so auf die gespeicherten Inhalte zuzugreifen. Das kann jeden treffen und bedeutet konsequent zuende gedacht den Tod jeder Privatsphäre (und so nebenbei auch die Aushebelung von Verschwiegenheitspflicht und Informantenschutz bestimmter Berufsgruppen wie  Ärzte, Anwälte und Journalisten). Und aus Bayern – woher sonst – ereilte die Öffentlichkeit die bizarre Forderung, die polizeiliche Erfassung von Fingerabdrücken „auf die Personengruppe der Sechs- bis 14-jährigen“ auszuweiten.

Ganz so neu sind solche staatlichen Bestrebungen indes nicht. Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowdon wissen wir um das Ausmaß des Ausspähens von Netzwerken und Datenströmen und ihrer automatisierten Auswertung. Grund genug also, den neuen Entwicklungen mit massiven Protesten entgegen zu treten? Kaum, denn außer wohl formulierter Kritik aus Wissenschaft und Medien regt sich – nichts.

Rafael Lozano-Hemmer, Inspired by Real Events, 2004, Lambda Print, Video (Foto: Antimodular Research)

Es ist schon paradox, dass eine Mehrheit der Bevölkerung mit der Speicherung und der auch kommerziellen Nutzung der Daten aus dem Netz einerseits nicht einverstanden ist oder dem zumindest skeptisch gegenüber steht, sich andererseits damit abgefunden hat und durch das eigene Nutzungsverhalten eifrig und wissentlich als Lieferant des digitalen Rohstoffs betätigt. Die Zahlen zur diesbezüglichen Selbstkontrolle überraschen denn auch nicht besonders: 90 Prozent der Nutzer bleibt völlig passiv, lediglich neun Prozent kontrollieren sich selbst gelegentlich, nur ein Prozent regelmäßig.

Ein brandaktuelles Thema also, dessen sich die Eres-Stiftung und das Münchner Stadtmuseum in dem gemeinsamen Ausstellungsprojekt mit dem Titel „no secrets! – Keine Geheimnisse!“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln in zwei parallel laufenden Präsentationen angenommen haben.

Von Avataren, Metronomen und Selbstöffnung

Das Netz vergisst nicht. Tagtäglich erzeugen wir eine Flut digitaler Informationen und nähren damit bestehende und künftige Überwachungssystem, die längst von Sicherheitsbehörden, Versicherungen, IT-, Handels- und Pharmakonzernen genutzt werden. Zur Selbstoptimierung bei Gesundheit und möglichst effizienter und bequemer Gestaltung unseres Alltags kontrollieren wird uns durch Apps, Trucker und Sensoren bereitwillig selbst.

Tactical Technology Collective in collaboration with La Loma Google, The Zuckerberg House, 2016 (Courtesy by the artist, Foto: laloma.info)

Dies nimmt die Eres-Stiftung in ihrem Teil des Projektes auf, wenn sie sich, so der Untertitel der Schau, mit „Reiz und Gefahr digitaler Selbstüberwachung“ beschäftigt und 12 Künstlerinnen und Künstler eingeladen hat, sich auch unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten mit der Fragestellung auseinander zu setzen.

2010 erklärte der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg das Zeitalter der Privatsphäre für beendet. Und er? Nur wenigen Jahre später kaufte er für mehr aus 40 Millionen US-Dollar vier an sein eigenes Haus in Palo Alto angrenzende gelegene Grundstücke auf, um sich abzuschirmen. Von den Innenarchitekten und Bauarbeitern, die mit dem Ausbau seines Anwesens beschäftigt waren, verlangte er Verschwiegenheitserklärungen. Und dann tauchte auch noch, es ist noch keine zwei Jahre her, das berühmt gewordene Foto in der Öffentlichkeit auf, dass Zuckerberg vor seinem Laptop mit der angeklebten Monitorkamera zeigt. DieKünstler- und Aktivistengruppe Tactical Technology Collective (TTC) um Stephanie Hankey und Marek Tuszynski nimmt dies in zwei in der Ausstellung gezeigten skulpturalen Arbeiten auf.

Der in Bangladesch geborene Künstler Hasan Elahi, der in New York aufwuchs und in Washington lebt und arbeitet, wurde 2002 auf dem Flughafen von Detroit vom FBI festgehalten, weil sein Name ein Jahr nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center auf eine Liste von Terrorverdächtigen geraten war. Über sechs Monate hinweg musste er der Behörde in nachgerade inquisitorischen Befragungen zu Daten, Treffen und Kontakten Auskunft geben und entschloss sich daraufhin zu einer totalen Selbstöffnung – mit einer allerdings subversiven Strategie. Durch tägliche Berichte, Fotos, Protokolle und Belege unterrichtet er FBI und Öffentlichkeit minutiös über seinen Alltag. Immerhin: CIA, NSA und Weißes Haus greifen seither regelmäßig auf seine Webseite zu.

Michael Grudziecki, Sea Forts 43, 2016 (Foto: © Michael Grudziecki)

Ed Fornieles hingegen hat sich für seine Internet-Aktivitäten als Alter Ego ein Fuchs-Avatar zugelegt, das er auf Twitter Posts oder auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken Kommentare absetzen lässt. In seinen Videos, Performances und Skulpturen verschwimmen die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt. Und Susan Morris verarbeitet ihre mittels einer am Handgelenk getragenen „Actiwatch“ festgehaltenen Daten in Tapisserien und Zeichnungen, indem sie beispielsweise einen Jacquard-Webstuhl mit ihrem Wach- und Schlafrhythmus programmiert hat. Das Künstlerduo Unfit Bits (Toga Brain und Surya Mattu) setzt sich in ironischer Weise mit der Verwendung von Fitness-Trackern und deren Rolle im Versicherungswesen auseinander. Sie kommen dabei zu lebensnahen, durchaus erwägenswerten Lösungen, wenn sie für alle, die keine persönlichen Daten preisgeben wollen oder schlicht keine Lust und keine Zeit zum regelmäßigen Sporteln haben, Metronome, Bohrmaschinen oder Fahrräder als kleine Helferlein andienen, mit denen sich den Überwachungssystem von Versicherungen ein Schnippchen schlagen lässt.

Die von Sabine Adler kuratierte Ausstellung bietet zuweilen beängstigende Einblicke, istb lehrreich und zuweilen witzig – und sehr, sehr spannend.

Brieftaubenkamera von Julius Neubronner, die im Ersten Weltkrieg zu Luftbildaufnahmen verwendet wurde, um 1910 (Foto: © Münchner Stadtmuseum)

Tauben, alberne Stasi und Infrarot

Die Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums hat, kuratiert von Rudolf Scheutle, mit „Bilder der Überwachung“ des historischen Part des Ausstellungsprojekts übernommen. Bei dem geschichtlichen Rückblick, zu dem neben Fotografien auch Gemälde, Möbel und teils witzige Exponate aus dem Agentenalltag zu sehen sind, geht es naturgemäß schon aufgrund der Fülle des Materials etwas behäbiger zu.

Alessandra Schellnegger, Einfahrt, aus der Serie „Einblicke. Hinter den Mauern des BND in Pullach“, 2013 (Foto: © Alessandra Schellnegger)

Den Prolog zur Ausstellung bildet eine sehenswerte Bilderserie, die Alessandra Schellnegger 2013 im Auftrag der Süddeutschen Zeitung auf dem Gelände des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Pullach nahe München fotografieren durfte. Ein echter Glücksfall, denn Einblicke in das hermetisch abgeriegelte Areal, gewährt der BND nur selten. Es ist ein geschichtsträchtiger, allerdings durchaus nicht positiv besetzter Ort, der einst als Mustersiedlung der Nazi-Partei diente. Die dort befindliche „Präsidentenvilla“ war Stabsleiterhaus für Martin Bormann, dem Privatsekretär Hitlers. 1945 besetzten amerikanische Soldaten das Gelände, ab 1947 residierte dort die Geheimorganisation Gehlen“ als Vorgängerin des 1956 installierten BND. Die mit feinem Gespür für die Brüche und Absurditäten der Anlage zeigen Schellneggers Aufnahmen so gar nichts von Abenteuer und Dolce Vita von Geheimagenten a la James Bond. Vielmehr ist verstaubte Tristesse und funktionale Sachlichkeit in spießigem 50er-Jahre-Charme zu sehen: morbid-baufällige Baracken, Archivräume, eine Schießanlage, aber auch ein holzgetäfelter Raum mit Rednerpult und einem Gemälde, das den „Alten Fritz“ zeigt, an der Wand. Und eine dieser altmodischen gelben Telefonzellen der Deutschen Bundespost am Wegesrand. Die ist auch nötig, denn drinnen mahnt vor einem Konferenzraum ein Schild „Mobiltelefone verboten“. Die Arbeit, für die Alessandra Schellnegger 2015 mit dem Preis des Eagle-Eye-Photo Contests des Frankfurter Kunstvereins geehrte wurde, stellt schon zu Beginn einen Höhepunkt der Schau dar.

Sebastian Arlt, Porträt der Schauspielerin Sibylle Canonica, 2015 (Foto: © Sebastian Arlt)

Die Ausstellung selbst beginnt mit einem historischen Rückblick der Überwachung verwandte Phänomene wie Raumerfassung und Personenkontrolle von der Einführung der Straßenbeleuchtung über die Standardisierung der Verbrecherfotografie durch Alphonse Bertillon bis hin zur Erfassung von Fingerabdrücken ab 1900, aber auch der Entwicklung der Fotografie allgemein.

Der Hauptteil präsentiert zeitgenössische Arbeiten aus den Bereichen Fotografie, Video, Malerei, Plakat und Installation. Wo heute Satelliten und Drohnen durch die Gegend schwirren, mussten einst Heißluftballons oder Brieftauben, denen eine Kamera umgeschnallt war, zur Überwachung herhalten.

Jens Klein, aus der Serie „Briefkasten (Fotos aus Personenakten der Stasi-Unterlagenbehörde)“, 2012 (Foto: © Jens Klein)

Kuriositäten sind zu sehen wie eine serielle Bilderfolge, die Jens Klein in den Stasi-Unterlagenbehörde entdeckte. Sie zeigt Fotografien von Menschen, die Post in einen Briefkasten einwerfen. Die alberne Maßnahme wirft die Frage auf, was man gegen wen in die Hand zu bekommen hoffte.

Viele Arbeiten decken die Widersprüche und Funktionsmechanismen der „Kontroll- und Überwachungskultur“ auf. Max Eicke hat Nachtsichtgeräte verwendet, um Spionageanlagen der US-Amerikaner in Deutschland sichtbar zu machen, Paolo Cirio macht Bilder aus privaten Social-Media-Profilen hochrangiger Geheimdienstler öffentlich, Sebastian Arlt untersucht die Bildästhetik von Überwachungskameras im öffentlichen Raum.

Max Eicke, USAG Wiesbaden Military Training Area Mainz, 2015 (Foto: © Max Eicke)

Dass die Thematik auch im persönlich-privaten Raum eine inzwischen bedeutende, fast tragische Rolle spielt, zeigt das Projekt I would also like to be der gebürtigen Schwedin Jenny Rosa, die die Aktivitäten ihres Ex-Freundes und seiner neuen Partnerin auf Facebook verfolgt hat und deren Posen in ähnlicher Kleidung nachstellt und sich fotografiert und anstelle der neuen Freundin in die Bilder montiert. Eine Aufarbeitung von Eifersucht und Verlust einerseits zeigt die Arbeit einerseits, greift aber weiter, denn sie belegt die Austauschbarkeit der Personen auf Bildern durch die Montage.

Jeder könnte jeder sein. Jeder ist betroffen. Das macht die beiden Ausstellungen, die nur noch kurz zu sehen sind, so betroffen und so spannend.

Noch bis zum 16. Juli 2017 in der Eres-Stiftung, Römerstraße 15 in München, Sa. 11-17 Uhr, Eintritt frei, und im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, Fr./Sa./So. 10-18 Uhr. Es ist ein empfehlenswerter gemeinsamer Katalog mit zahlreichen Abbildungen und Texten zum Preis von 18 Euro erschienen. 

 

 

 

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