Wahl der Waffen

Von Achim Manthey

 

Eine beeindruckende Münchner Schau präsentiert das Werk des afroamerikanischen Fotografen, Filmemachers und Musikers Gordon Parks. Es changiert zwischen Elend und Glamour.

 

Fünf Männer im Bild, alle dunkelhäutig. Eine liegt leblos auf der Straße, drei knien neben ihm, unschlüssig, ob da noch zu helfen ist. Ein Cop beugt sich über den Liegenden, Papiere in der Hand und offenbar bei der Identitätsfeststellung. 1948. Auf den Straßen des überwiegend von Schwarzen bewohnten New Yorker Stadtteils Harlem herrscht Krieg. Rivalisierende Banden bekriegen sich, es wird geschossen, abgestochen, geprügelt ohne Rücksicht auf Verluste und Zufallsopfer. Faust auf Faust, Zahn und Zahn, Leben um Leben. Und mittendrin der afroamerikanische Fotograf Gordon Parks mit seiner Kamera. Es war ihm gelungen, den Bandenchef Red Jackson kennenzulernen und dessen Vertrauen zu gewinnen – und damit eine schützende Hand über sich. Und er darf fotografieren, fängt die Brutalität des Quartiers ein, junge Schwarze sowohl in besinnlichen Momenten wie in der Hitze gewalttätiger Auseinandersetzungen. Mit dieser Reportage, die am 1. November 1948 im Magazin Life erscheint, ebnet er den Weg für eine Zusammenarbeit mit der Redaktion, die über zwei Jahrzehnte andauern sollte.

Dass der Nachname Parks in der Geschichte der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung einen besonderen Klang hat, war reiner Zufall. Als 1955 die Farbige Rosa Parks im von Weißen dominierten Detroit einen Bus besteigt, einen Sitzplatz einnimmt und sich beharrlich weigert, diesen zugunsten eines Weißen zu räumen und mit ihrer Aktion zu einer Ikone des Freiheitskampfes in den Vereinigten Staaten wird, waren Armut, Elend und Unterdrückung für ihren Namensvetter Gordon aus seiner eigenen Vita heraus längst zum Lebensthema geworden. Begegnet sind sich die beiden, soweit bekannt, nie.

 

Manchmal beginnt eine Karriere mit dem Besuch eines Pfandhauses. Gordon Parks wird 1912 in Fort Scott im Bundesstaat Kansas geboren und wächst in bitterer Armut auf. Die Mutter stirbt, als er fünfzehn ist, die Familie wirft ihn raus. Der Junge schlägt sich als Handlanger, als Pianist in einem Bordell und als Speisewagenschaffner durch. In einer liegen gebliebenen Zeitschrift entdeckt er Fotografien, die ihn faszinieren. Denn sie zeigen etwas, das er nur zu gut kennt, und das doch Mitleid in ihm hervorruft: Menschen in Armut. In einem Pfandhaus kauf er sich seinen ersten Fotoapparat, eine Rolleicord, und beginnt, sich autodidaktisch das Fotografieren beizubringen. Die Kamera sollte, wie er viel später einmal bekannte, seine „Waffe gegen Armut und Rassismus“ werden und für immer bleiben.

Schon bald arbeitet Parks für Zeitungen, erhält sogar ein Stipendium zur Förderung afroamerikanischer Kunst. Und Roy Stryker wird auf ihn und seine Arbeit aufmerksam. Der ist Dokumentationsleiter der 1935 auf Anregung des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt gegründeten Farm Security Administration (FSA), für die so berühmte Fotografen wie Jack Delano, Walker Evans, Dorothea Lange und Russell Lee das Leben der Farmer und Landarbeiter in den Vereinigten Staaten dokumentierten.

 

Stryker holte Gordon Parks 1941 in das Fotografenteam der FSA – und der sorgte mit einem Bild gleich für helle Aufregung, als er 1942 die farbige Putzfrau Ella Watson, bewaffnet mit Besen in der einen und Wischmopp in der anderen Hand, vor die amerikanische Flagge stellte und ablichtete. Stryker quälten arge Bauchschmerzen, bevor er sich bereit fand, das provokante Bild zu veröffentlichen. „American Gothic“, so der Titel, wurde zu einer der unvergesslichsten Aufnahmen, die Gordon Parks geschaffen hat.

Nach Auflösung der FSA wechselte Parks gemeinsam mit Roy Stryker zunächst zum Office of War, bevor er sich selbständig machte. Er begann mit Modefotografie, unter anderem für die Vogue, entwickelte hierfür eine besondere Bildsprache durch Kompositionen mit Rundstrukturen und Spiegelungen. Durch die Harlem-Geschichte erhielt er 1948 als erster Afroamerikaner eine Festanstellung als Fotograf und Textautor in der Redaktion der Life, für die er in den folgenden zwei Jahrzehnten Geschichten vor allem aus den Themenbereichen Armut und Rassismus liefert. 1957 entsteht eine Serie zur Kriminalität mit Farbaufnahmen von Polizeirazzien, Festnahmen, von Opfern und Tätern in Chicago. Er porträtiert Malcom X  auf Versammlungen der Black-Muslim-Bewegung und ist 1963 beim Marsch auf Washington und der historischen „I have a dream“-Rede von Martin Luther King dabei. Er fotografiert Kinder in einer psychiatrischen Anstalt, an denen Test mit schwarzen und weißen Puppen für eine Studie durchgeführt werden. Immer ist sein Blick auf das gerichtet, was gesellschaftlich weh tut. Seine Fotografien liefern quasi den visuellen Zündstoff für die Bürgerrechtsbewegung, die er unermüdlich unterstützte und dokumentierte.

 

Ab den 1970ern wendet er sich zunehmen dem Film als neuen Ausdrucksmittel zu. Er wir der erste afroamerikanische Drehbuchautor und Regisseur Hollywoods. Neben der Adaption seines autobiografischen Romans „The Learning Tree“ schafft er 1971 mit „Shaft“ den ersten schwarzen Krimihelden. Und es entstehen zahlreiche sozialkritische und experimentelle Dokumentation. Parks schreibt, malt und komponiert, die Fotografie gerät mehr und mehr in den Hintergrund. 2006 stirbt Gordon Parks 93-jährig, hoch geehrt, in New York.

Obwohl er 1970/71 in Köln und Berlin ausgestellt wurde und 1977 an der documenta 6 in Kassel teilnahm, blieb Gordon Parks hierzulande weitgehend unbekannt. Die Münchner Ausstellung, die zuvor im C/O Berlin zu sehen war und von deren Hauptkurator Felix Hoffmann kuratiert wurde, bietet mit 180 Fotografien, ergänzt durch Kontakbögen, Magazinen und Filmen, einen umfangreichen Einblick in das Schaffen dieses bedeutenden Künstlers aus den Jahren 1942 bis 1978. Glamour und Elend, Kommerz und humanitäres Engagement stehen in den Aufnahmen einander gegenüber und bieten eine visuelle Sozialgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Rassendiskriminierung und soziale Klüfte sind bis heute nicht beseitigt. Und die aktuelle Präsidentschaft macht für die nächsten Jahre wenig Hoffnung auf Fortschritte.

Noch bis zum 7. Mai 2017 im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung, Maximilianstraße 53 in München, täglich von 9 bis 19 Uhr, Eintritt frei, Katalog.

 

 

 

 

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