Grenzüberschreitungen

Von Achim Manthey

Ron Gallela, Trampoline - Eröffnung der neuen Party-Location "The Gymnasium", Nico von The Velvet Underground mit einer anderen Blondine auf einem Trampolin, New York, 13. April 1967 (Foto: © Ron Gallela Ltd.)

Ron Gallela, Trampoline – Eröffnung der neuen Party-Location „The Gymnasium“, Nico von The Velvet Underground mit einer anderen Blondine auf einem Trampolin, New York, 13. April 1967 (Foto: © Ron Gallela Ltd.)

Zwei wilde Jahrzehnte voller Swing und Glamour. Auch für die Fotografen brachten die Swinging Sixties und die Siebzigerjahre den Aufbruch in eine neue Zeit. Die Ausstellung „Shoot! Shoot! Shoot!“ im Münchner Stadtmuseum erzählt von dieser legendären und turbulenten Epoche. 

Ron Gallela, Diana Vreeland im Metropolitan Museum der Kunst, New York, 10. Dezember 1975 (Foto: © Ron Gallela, Ltd.)

Ron Gallela, Diana Vreeland im Metropolitan Museum der Kunst, New York, 10. Dezember 1975 (Foto: © Ron Gallela, Ltd.)

Party war angesagt und das Gymnasium rappelvoll. Aber es waren keine Pennäler, sondern Stars wie Nico und The Velvet Underground, die sich an diesem Tag irgendwann im April 1967 im Gefolge des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol und seiner Entourage in dieser ausrangierten Turnhalle namens The Gymnasium in New York zwischen und auf Reckstangen und Trampolinen tummelten. Und mittendrin der Fotograf Ron Gallela, der das Event mit seiner Kamera festhielt. Er galt als „König der Paparazzi“, der dieses Genre in den 1960ern kultiviert und erfolgreich zur Kunstform erhoben hatte. Warhol hielt ihn für einen der größten Fotografen seiner Zeit und nannte ihn sein Vorbild.

Es war eine neue Zeit, die sich da Bahn brach. Es seien, so beschrieb es Jonathan Franzen einmal, die Fünfzigerjahre gewesen, die mit ihrer durchaus nicht nur weichgespülten Bürgerlichkeit, ihrem ausgeprägten Puritanismus, der Kommunistenhatz eines McCarthy und der damit einhergehende Spießigkeit den 1960ern „ihren Idealismus – und ihre Wut“ gegeben hatten und die tiefgreifenden sozialen Umwälzungen bewirkten, die die Vereinigten Staaten verändern sollten und alsbald auch nach Europa überschwappten und hüben wie drüben zwei Jahrzehnte des Umbruchs, der Provokation und der kreativen Energie einläuteten.

Jeanloup Sieff, Yves Saint Laurent posiert für die Werbekampagne seines neuen Parfüms, Paris 1971 (Foto: © The Estate of Jeanloup Soeff)

Jeanloup Sieff, Yves Saint Laurent posiert für die Werbekampagne seines neuen Parfüms, Paris 1971 (Foto: © The Estate of Jeanloup Sieff)

Fotografen und Filmemacher waren maßgeblich daran beteiligt, die Stimmungen, die in New York, London oder Paris herrschten, zu verbreiten. Gegliedert in acht Kapitel führen in der Ausstellung mehr als 200 meist schwarz-weiße Fotografien mitten hinein in das pulsierende Kultur- und Partyleben der „Swinging Sixties“ und der glamourösen Siebzigerjahre. Die Aufnahmen stammen aus der Sammlung der Schweizerin Nicola Ernie, von der nicht viel mehr zu erfahren ist, als dass sie in Zug lebt, seit 18 Jahren Kunst und seit einiger Zeit auch Fotografie aus der Zeit nach 1945 sammelt und die Kollektion, die sonst nicht öffentlich zugänglich ist,  hin und wieder für Ausstellungen zur Verfügung stellt.

Die Liste der insgesamt 46 Fotografen, deren Arbeiten in der Ausstellung „Shoot! Shoot! Shoot!“ gezeigt werden, liest sich wie ein Who’s Who der Zunft: Von Diane Arbus, Eve Arnold und Richard Avedon über Elliott Erwitt, Ron Gallela, Dennis Hopper, Annie Leibowitz und Robert Mapplethorpe bis hin zu Will McBride, Billy Name, Helmut Newton, Terry O’Neill, Irving Penn, Jeanloup Sieff, Bert Stern, Garry Winograd und natürlich Andy Warhol . Und sie hatten sie alle vor der Linse, Beatles und Rolling Stones, Truman Capote, Marlon Brando, Charlotte Rampling, Brigitte Bardot, Twiggy oder Bianca Jagger, deren Aufnahme von Warhol aus den Siebzigern aus dem Halston’s House, wo sie sich lasziv auf einem Sofa räkelt und sich die Achselhaare rasiert, das Plakat zur Ausstellung ziert.

David Bailey, Mick Jagger, Fur Hood, 1964, printed 2001 (Foto: © David Bailey)

David Bailey, Mick Jagger, Fur Hood, 1964, printed 2001 (Foto: © David Bailey)

Breiten Raum nimmt Andy Warhol mit seiner legendären, künstlerisch-subversiven Factory ein, dem Treffpunkt der experimentellen New Yorker Kunstschaffenden, deren fürwahr munteres Treiben von Fotografen wie Bert Stern, Fred McDarrah und Ron Gallela festgehalten wurde und die Entwicklung des Pop-Art-Künstlers bis hin zu seiner eigenen Entwicklung als Fotograf, der es bis zu seinem Lebensende auf immerhin drei beachtenswerte Bildbände brachte, nachzeichneten. Von Warhol ausgehend spannt die Schau einen weiten Bogen von den Protagonisten der Pop-Art, der zeitgenössischen Partykultur und ihren Schauplätzen – Warhol hatte für diese aus den Fotografien nachzuempfindenden Grenzüberschreitungen den Begriff social disease geprägt-, den Stars und Sternchen aus Film, Kunst und Gesellschaft, der Musik bis hin zur Mode dieser Zeit. Ikonische Aufnahmen und zahlreiche selten gezeigte Bilder prägen die Präsentation.

Paul Schmulbach, Schutz gegen den "Godfather" - Marlon Brando und Ron Gallela im Waldorf Hotel, New York, 1974 (Foto: © Ron Gallela, Ltd.)

Paul Schmulbach, Schutz gegen den „Godfather“ – Marlon Brando und Ron Gallela im Waldorf Hotel, New York, 1974 (Foto: © Ron Gallela, Ltd.)

Die Schau hinterfragt die oft parasitäre Nähe ebenso wie die dann doch bestehende Distanz der Fotografen zu ihren Modellen und belegt eindrucksvoll, wie die gerade aufkommende Paparazzi-Fotografie die High Society und ihren zuweilen flüchtigen Glamour dem breiten Publikum in Magazinen und Zeitschriften förmlich zum visuellen Fraß vorwarf. Dass das für die Lichtbildner selbst nicht risikolos war, belegt eine sehr ironische, 1974 entstandene Fotografie von Paul Schmulbach, die Marlon Brando und Ron Gallela zeigt. Die beiden waren einmal heftig aneinander geraten, Gallala hatte sich einen Satz warmer Ohren eingefangen und näherte sich dem Godfather nur noch mit schützendem Helm. Der Titel der Ausstellung nimmt das Arbeitsmotto der Fotografen ebenso wie die Atemlosigkeit jener Zeit auf.

Viele der gezeigten Aufnahmen bieten einen Vorgeschmack auf das, was die folgenden Jahrzehnten an beklagenswerten Auswüchsen noch bieten sollten. Aber sie zeigen nicht nur ein dann eben doch faszinierendes historisches Panorama, sondern weisen zugleich in unsere Gegenwart, in der angesichts digitaler Fotografie und „sozialer“ Medien durch Selfie-Wahn und Selbstausbeutung eine neue Ebene erreicht wurde. Nicht alles daran ist schön.

Bis zum 15. Januar 2017 im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, täglich außer Mo. von 10 bis 18 Uhr, Katalog erschienen im Hirmer Verlag, 29,90 Euro.

 

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