Zwischen Raum und Zeit

Von Achim Manthey

Der kleine Dicke weist den Weg in die Jahresausstellung. Eine Gruppe schauerlich anzuschauender, blutroter Figuren begrüßt den Besucher im Foyer des Altbaus der Münchner Kunstakademie (Foto: Achim Manthey)

Der kleine Dicke weist den Weg in die Jahresausstellung. Eine Gruppe schauerlich anzuschauender, blutroter Figuren, denen man die Haut vom Leib gezogen zu haben scheint, begrüßt den Besucher im Foyer des Altbaus der Münchner Kunstakademie (Foto: Achim Manthey)

Die diesjährige Jahresausstellung in Münchens Akademie der Bildenden Künste bietet eine vielfältige Mischung von Arbeiten aller Kunstrichtungen. Die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen und der eigenen Zukunft zieht sich wie ein roter Faden durch die Präsentation. Dabei überzeugt vieles nicht, aber es gibt auch Überraschungen. 

Ein Rummelplatz für die Kunst der Bühnen- und Kostümbildner (Foto: Achim Manthey)

Ein Rummelplatz für die Kunst der Bühnen- und Kostümbildner (Foto: Achim Manthey)

Sie lassen es richtig krachen. Farbenfroh und heiter bespielen die Bühnen- und Kostümbildner der Klasse von Karin Brach eine3n lichtdurchfluteten Raum im zweiten Obergeschoss des Altbaus der Kunstakademie mit einem selbst aus rohen Balken und Brettern gezimmerten Rummelplatz. Ein ausrangierter antiker Kinderwagen ist zur Schaukel umfunktioniert, es gibt einen Pool mit bunten Bällen, einen Drehstuhl unter einem rot-weißen Sonnenschirm und eine Bar (bei der die verblüffende Anzahl von Gin-Flaschen an den beiden Besuchstagen überraschte). Auch die „zersägte Jungfrau“ fehlt nicht, von der allerdings nurmehr die Füße aus dem Kaste ragen. Und das alles darf angefasst, betreten, belegen, benutzt und haitisch erfahren werden.

Überwiegend geht es indes sehr ernsthaft und bedeutungsschwanger zu. Unverkennbar ist das Bemühen der Studierenden, sich intensiv mit diesen unruhigen, bewegten und bewegenden Zeiten auseinanderzusetzen, Einordnungen zu finden und dabei auch ihre eigene Rolle und Zukunft als Künstler in einem zunehmend schwieriger werdenden Markt zu verorten. Hierzu hat der als erster Curator-in-Residence berufene Siam Demirkan im Archiv der Akademie nicht nur herkömmliche Präsentationsformen der vergangenen Jahrzehnte erforschen, sondern auch Ideen zu Merchandising und Distribution entwickeln lassen, die in einer allerdings recht spröden Schau im Vestibül der Historischen Aula vorgestellt werden.

Die Soundinstallation "Im Kopf" von Maria Matinyan ist im Akademiegarten zu sehen und zu hören (Foto: Achim Manthey)

Die Soundinstallation „Im Kopf“ von Maria Matinyan ist im Akademiegarten zu sehen und zu hören (Foto: Achim Manthey)

Die Projektklasse Julian Rosefeldt setzt sich in ihrer Arbeit „There Will Be Blood“ mit Globalisierung, Krieg, Flucht und Vertreibung auseinander. Sie stellt sich nicht in der Akademie, sondern bis zum 11. September in der nahe gelegen Ludwigskirche an der Universität vor und wurde soeben vom Münchner Akademieverein wegen ihres, so die Begründung, schlüssigen Raumkonzepts mit einem mit 1000 Euro dotierten Preis bedacht.

Ganz im Gegensatz dazu beschwört Minjae Lee (ehemalige Klasse Schneider) die Stille in einer lauten Welt mit seiner kontemplativen begehbaren Installation „Schweigeraum“. Ein selbst verfasster Monolog, bestehend aus 16 Sätzen, den der Künstler in ständiger Wiederholung auf Wände, decke und Boden eines Zimmers geschrieben und auf ein althergebrachtes Tonbandgerät gesprochen hat. Betritt der Besucher die Installation und bewegt sich in ihr, verschwindet die Schrift und verstummt die Stimme. Beeindruckend.

Malerei und Zeichnung schwächen hingegeben in der ganzen Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten von klassisch-gegenständlichen Darstellungen über Abstraktion bis hin zu den Versuchen einer, nun ja, visuellen Darstellung des Grundbegriffs der Unbestimmtheit. Fast scheint es, als sei diese Kunstform ausgereizt.

Star Trek-Feeling beschert die Klasse Albert Hien dem Besucher mit ihrer Arbeit „Fortan, die ihn in durch Kunststoffbespannungen gebildete, nachgebende Gänge und Räume lockt, begleitet von verfremdeten Melodien; eine Gaudi einerseits, die andererseits aber auch klaustrophobe Gefühle erzeugen kann. Manch eine(n) sah man das Kunstwerk seltsam blass verlassen.

Das Foyer des Neubaus haben die Studierenden der Druckklassen mit Folien, die mit Pflastersteinen bedruckt sind, ausgelegt. Die Arbeit wurde vom Akademieverein München ebenfalls als preiswürdig erachtet (Foto: Achim Manthey)

Das Foyer des Neubaus haben die Studierenden der Druckklassen mit Folien, die mit Pflastersteinen bedruckt sind, ausgelegt. Die Arbeit wurde vom Akademieverein München ebenfalls als preiswürdig erachtet (Foto: Achim Manthey)

Die Fotoklasse von Dieter Rehm hat die Frage der Vermittlung von Kunst im Alltag umgetrieben und meistert den oftmals gar nicht so leicht zu überwindenden Spagat zwischen professioneller Kuratorentätigkeit und der Wahrnehmung durch das Publikum mit einem ebenso überraschenden wie originellen Einfall: Die Studierenden haben den Job als Ausstellungsmacherin der über 90-jährigen Maria Gang, ihres Zeichens Seele des nahe gelegenen „Kurfürstenstüberl“, einer bayerischen Boatzn, übertragen. Sie hat – wie gern wäre man Beobachter der Aktion gewesen – die Präsentation aus ihrer individuellen Sicht gestaltet und die Kunst aus dem akademischen Elfenbeinturm in das tägliche Leben verfrachtet.

Wie haltet ihr es mit dem Rindvieh, mag Nadja Zängerlein aus der Klasse Dillermuth gefragt haben. In ihrer Zulassungsarbeit „Das Verschwinden der Kuh aus den Köpfen“ – das Cover des gebundenen Werks ziert ein Stück braun-weiß gescheckten Kalbsfells – verhält sie sich zu der „Divergenz von Präsenz und Wahrnehmung des Rinds“ und legt eine beeindruckende kunst- und kulturhistorische Abhandlung zwischen Mensch und Milchvieh vor, das nach ihrer Recherche lange vor dem Hund als bester Freund des Menschen galt. Die Künstlerin, selbst aus ländlichem Milieu stammend, rekurriert mit ihrer Arbeit auf den steten Niedergang des Kleinbauerntums und dokumentiert das mit einer Folge stark zurückgenommener Schwarz-Weiß-Fotografien aus einem kleinen Einödhof, ergänzt durch eine Rauminstallation mit den Überresten eines geräumten Anwesens. Alles muss raus. Im wahren Sinn des Wortes.

Noch bis zum 24. Juli 2016 in der Akademie der Bildenden Künste, Akademiestraße 2-4 in München, Do./Fr. 14-21 Uhr, Sa./So. 11-21 Uhr, freier Eintritt.

 

 

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