Weiter, immer weiter!

Von Achim Manthey

Judith Stenneken, Untiteld, 2011 (Foto: Courtesy Galerie f5,6, München)

Judith Stenneken, Untiteld, 2011 (Foto: Courtesy Galerie f5,6, München)

Können zur Schau gestellte Fragmente einen Zusammenhang ergeben. Die Ausstellung „Denn Bleiben ist nirgends“ mit Arbeiten der Fotografin Judith Stenneken geht dieser Frage nach. 

Judith Stenneken, Untitled, 2014 (Foto: Courtesy Galerie f5,6, München)

Judith Stenneken, Untitled, 2014 (Foto: Courtesy Galerie f5,6, München)

Bewehrungseisen ragen aus schmutzig-braunem Mauerwerk in den Raum wie Schlangen, die züngelnd aus ihrem verborgenen Nest ins Freie vorstoßen. Durch winzige, kreisrunde Löcher in der Wand, die von bereits entfernten Metallstreben herrühren, dringt spärlich Tageslicht in den nicht identifizierbaren, unwirtlichen Ort. Die großformatige Fotografie könnte der Beginn oder Teil einer Serie von Bildern oder einer Geschichte sein. Ist sie aber nicht. Denn in unmittelbarer Folge sieht man in der Ausstellung die Aufnahme eines Stuhls in der Ecke eines dunklen Zimmers, nur die Stuhlbeine sind von Licht berührt. Daneben ein Selbstporträt der Künstlerin als sitzender Akt, wiedergegeben in einem Spiegel. Oder ein Bügeleisen auf einem Bügelbrett an der Wand nahe eines Zimmerdurchgangs, in fahles Gelb getaucht, daneben das Bild eines wuchernden Palmengewächs an einer mächtigen Betonwand.

Scheinbar ohne Zusammenhang bietet die Präsentation der 1979 geborenen Fotografin Judith Stenneken, die an der Ostkreuzschule in Berlin und an der School of Visual Arts in New York, wo sie lebt und arbeitet, ausgebildet wurde, eine Aneinanderreihung von Fragmenten, Erinnerungsstücken, bildgewordenen Augenblicken. Sie erscheinen wie ein visuelles Reisetagebuch, wie zunächst in eine Schachtel geworfene und temporärem Vergessen anheim gegebene Urlaubsfotografien, die nach Jahren hervorgekramt und in beliebige Folge gebracht werden. Da war doch was!

Judith Stenneken, Untitled, 2012 (Foto: Courtesy Galerie f5,6, München)

Judith Stenneken, Untitled, 2012 (Foto: Courtesy Galerie f5,6, München)

„Denn Bleiben ist nirgends“. Der Titel der Ausstellung nimmt eine Textzeile aus der Ersten Duineser Elegie von Rainer Maria Rilke auf. Stenneken interpretiert sie im Wechsel von farbigen und Schwarz-Weiß-Fotografien durch eine Reihung von Szenen aus Hotels oder Flughäfen, von Bildern übersehener, alltäglicher Situationen. Aufnahmen von nachgerade brutaler Schärfe wie die aus dem linken Bildrand scheinbar in die Freiheit hinausspringende steile Felswand stehen unwirklich anmutende gegenüber.

Dabei geht es der Künstlerin um das Fehlen von Geschichten und Beziehungen, auch um das Erleben von anonym bleibenden Orten, die selbst keine Geschichte haben – oder sie nicht erkennen lassen. Und die Arbeiten fragen nach den Auswirkungen des Gesehenen oder Zu-Sehenden auf eigene Zwischenzustände, auf die persönliche Identität. Gerade durch die Sammlung nicht zusammenhängender Fragmente, die Rastlosigkeit ausstrahlt, weil man ja nirgends bleiben kann,  soll sich – nun ja – der Zusammenhang ergeben.

Hat Judith Stenneken das am Ende alles nur geträumt? Eine großformatige Farbfotografie könnte das suggerieren: Sie zeigt die Künstlerin auf einem Bett liegend, scheinbar schlafend, eingelullt von einem Meer aus Großstadtlichtern.

Bis zum 29. Juli 2016 in der Galerie f 5,6, Ludwigstraße 7 in München, Mi. bis Fr. 12 bis 18 Uhr, Sa. 11 bis 15 Uhr, Eintritt frei.

 

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