In Schönheit gestorben

Von Achim Manthey

Peter Untermaierhofer, blue salon, Österreich 2013 (Foto: Peter Untermaierhofer, courtesy Galerie Ingo Seufert)

Peter Untermaierhofer, blue salon, Österreich 2013 (Foto: Peter Untermaierhofer, courtesy Galerie Ingo Seufert)

Der Fotograf Peter Untermaierhofer hat in den vergangenen Jahren europaweit verlassene Orte aufgespürt und porträtiert. Eine Auswahl seiner Arbeiten wird gerade in einer Ausstellung in München gezeigt. 

Peter Untermaierhofer, torre di raffreddamento, Italien 2015 (Foto: Peter Untermaierhofer, courtesy Galerie Ingo Seufert)

Peter Untermaierhofer, torre di raffreddamento, Italien 2015 (Foto: Peter Untermaierhofer, courtesy Galerie Ingo Seufert)

Die Endzeitlichkeit bildet sich im Detail ab. Ein Sessel, bezogen mit rotem Samt, steht verlassen, fast beziehungslos in einem blauen Salon von ebenso abgewetzter Eleganz. Ein Barren nebst Sprungbrett, übrig geblieben in einer alten Turnhalle, ein verlassener Flügel auf dem aufgeschwemmten Parkett einer stillgelegten Bühne. Die Orte, die Peter Untermaierhofer für seine fotografische Serie „Lost Places“ in den vergangenen Jahren in Österreich, Belgien, Frankreich, Italien und Deutschland aufgespürt und porträtiert hat, sind (oder waren es zumindest im Zeitpunkt der Aufnahme) noch da, aber sie existieren nicht mehr, sind in der öffentlichen Wahrnehmung zu Schandflecken verkommen, stören nur noch und werden irgendwann als Opfer zahlungskräftiger Investoren monströsen Neubauten weichen. Vorbei die alte Pracht und Herrlichkeit.

 

Peter Untermaierhofer, lost piano concert, Deutschland 2014 (Foto: Peter Untermaierhofer, courtesy Galerie Ingo Seufert)

Peter Untermaierhofer, lost piano concert, Deutschland 2014 (Foto: Peter Untermaierhofer, courtesy Galerie Ingo Seufert)

Sicher, der Werktitel „Lost Places“ strotzt nicht eben vor überbordender Originalität angesichts der sich der Zahl von Katzenbildern annähernden, nachgerade inflationären Flut von Fotografien verlassener Orte in allen denkbaren Regionen, die mittlerweile durch die so genannten sozialen Netzwerke geistern. Aber die Bezeichnung weist eben nicht nur auf die Verlassenheit  der Bausubstanz, sondern gerade auch darauf hin, dass der Mensch diese Orte verloren hat. Wer mag den blauen Salon bewohnt und was dort erlebt, erlitten, wer in der geöffneten Gruft des verfallenden Kirchenbaus oder Klosters geruht und wer auf dem Flügel musiziert haben, auf dessen ureigene Bestimmung nur noch ein Stoß vergilbtes Notenpapier verweist?

Die Fotografien selbst geben keine Antworten. Peter Untermaierhofer, 1983 geboren und in Burghausen lebend und arbeitend, zeigt den Verfall – mit einer Ausnahme auf den 19 ausgestellten Arbeiten – nicht in frontaler Außenansichten, sondern in der morbide gewordenen Diskretion von Innenräumen. Nähere Ortsangaben fehlen in den Bildlegenden, so als habe der Fotograf sich nach getaner Arbeit still davon gemacht und den Stätten ihre letzte Ruhe bewahren wollen.

Peter Untermaierhofer, operation decay, Deutschland 2013 (Foto: Peter Untermaierhofer, courtesy Galerie Ingo Seufert)

Peter Untermaierhofer, operation decay, Deutschland 2013 (Foto: Peter Untermaierhofer, courtesy Galerie Ingo Seufert)

Aber in den Aufnahmen nimmt der Künstler die Betrachterin und den Betrachter mit in das brüchig gewordene Gestern, lädt ein zur Entwicklung eigener und ganz individueller Assoziationen, in denen prächtige gründerzeitliche Ballsäle und Theater noch bespielt, Orte mondäner Feste gewesen sein mögen, Mönche hinter kargen Klostermauern meditierten und heldenhafte Chirurgen Leben bewahrten – und zu den makabren Tänzen der Geister und Gespenster jenseits des Lebens.

In den Fotoarbeiten dokumentieren sich unmittelbar die Folgen auch des kulturellen Wandels, dem bekanntlich wie jedem Wandel ein Untergang und Verlust innewohnt – aber auch ein Zauber.

Bis zum 14. Juni 2016 bei Ingo Seufert – Galerie für Fotografie der Gegenwart, Schleißheimer Straße 44 in München, Di.-Fr. 14-19 Uhr, Sa. 11-15 Uhr, Eintritt frei.

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