Stimmen mit Gesicht

Von Achim Manthey

Ausstellungsansicht von "Faces Behind The Voices" des Berliner Fotografen Marco Justus Schöler in der Schalterhalle des Münchner Hauptbahnhofs (Foto: Achim Manthey)

Ausstellungsansicht von „Faces Behind The Voices“ des Berliner Fotografen Marco Justus Schöler in der Schalterhalle des Münchner Hauptbahnhofs (Foto: Achim Manthey)

Für die intelligente Ausstellung „Faces Behind The Voices“ hat der Berliner Fotograf Marco Justus Schöler Synchronschauspieler porträtiert.

„Denn die einen sind im Dunkeln/Und die andern sind im Licht./Und man siehet die im Lichte/Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Diese Schlussstrophe der Moritat von Mackie Messer aus der von Berthold Brecht geschriebenen und von Kurt Weill vertonten Dreigroschenoper könnte nicht nur auf die dort gemeinten finsteren Gestalten gemünzt sein, sondern auch auf einen ganz anderen, sehr ehrenwerten Berufsstand.

Irina von Bentheim. Norbert Gastell. Gabrielle Pietermann. Santiago Ziesmer. Nie gehört? Aber ja doch, mit Sicherheit. Denn sie arbeiten neben vielen anderen in dem, wie letztgenannter es bezeichnet, „Dunkelgewerbe“ der Synchronschauspieler. Den Begriff „Synchronsprecher“ hört man da nicht so gern, erklärt der im November 2015 verstorbene Schauspieler Norbert Gastell in einer Audioeinspielung zu seinem in der Ausstellung gezeigten Porträt. Denn es ist echtes Schauspiel, bei dem der Akteur halt nicht durch Mimik, sondern ausschließlich mit seiner Stimme brilliert.

Die Idee für das Projekt kam dem 26-jährigen Fotografen bei einem Kinobesuch. Die Umsetzung gestaltete sich allerdings schwieriger als gedacht, denn die Meinungen der Branche gehen auseinander was die öffentliche Aufmerksamkeit betrifft. Auf 80 Anfragen erhielt der Künstler nur wenige Antworten. Für die Fotoserie konnte er schließlich 30 Synchronschauspieler gewinnen und ablichten. Martin Kessler zum Beispiel, die deutsche Stimme von Nicolas Cage und Vin Diesel, oder Ronald Nitschke als stimmliches Alter Ego von Tommy Lee Jones. Und eben Norbert Gastell, der den Nachbarn Trevor Ochmonek in den ALF-Serien und vor allem den Homer Simpson synchronisierte, an der Seite von Sabine Bohrmann, die Lisa Simpson und von Sandra Schwittau, die Bart Simpson spricht. Oder Claudia Urbschat-Mingues, die nicht nur Angelina Jolie und Catherina Zeta-Jones ihre Stimme leiht, sondern seit zwei Jahren allabendlich mit einem einzigen, ernst und bedeutungsschwer gesprochenen Satz um Punkt 20 Uhr im Fernsehen präsent ist: „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.“

Die streng formalen Porträts in Frontalansicht werden ergänzt durch Audioeinspielungen mit Stimmproben der Darsteller und mit Hinweisen auf ihre unterschiedlichen Sprecherrollen. Das alles macht Spass, weil es intelligent gemacht ist. Und erinnert am Rande auch daran, dass Synchronschauspieler Namen haben, die meist noch nicht einmal im Abspann erwähnt werden.

Noch bis zum 12. Mai 2016 in der Schalterhalle des Münchner Hauptbahnhofs, jederzeit bei freiem Eintritt anzusehen, Bildband. Anschließend tourt die Ausstellung bis Ende 2017 durch weitere, größere Hauptbahnhöfe in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Weitere Informationen unter http://www.facesbehindthevoices.de

 

 

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