Klein, stark, schwarz

Von Achim Manthey

Ramón Masats, Ohne Titel, Tomelloso, Spanien, 1960 (Foto: © Ramón Masats, 2016/Kunstfoyer)

Ramón Masats, Ohne Titel, Tomelloso, Spanien, 1960 (Foto: © Ramón Masats, 2016/Kunstfoyer)

Wie Oskar Barnack die Fotografie revolutionierte: Eine fulminante Ausstellung in München erzählt von 100 Jahren Leica Camera am Beispiel ihrer Fotografen. 

Dass der Fußball einiges mit göttlichem Beistand zu tun hat, weiß man nicht erst seit Diego Maradonas „Hand Gottes“, die im WM-Viertelfinale 1986 in Mexiko zwischen Argentinien und England eine nicht unerhebliche Rolle spielte. Auch fleischgewordene Fußballgötter geisterten und spuken bis heute durch die Sportgeschichte. Selbst der Vatikan unterhält eine eigene Liga mit stattlichen vier Mannschaften (von denen keine je absteigen kann). Ob der Herr seine Hand auch auf Seiten der kickenden Mönche mit dem neuerhaft horizontal in Richtung Ball fliegenden Torwart in Kutte im Spiel hatte oder sie doch dem spanischen Fotografen Ramón Masats führte, dem der Schnappschuss dieser Szene 1960 mit seiner Leica gelang, ist nicht verbürgt. Diese Aufnahme ist jedenfalls ein besonders erheiternder Beitrag der Ausstellung „Augen auf! – 100 Jahre Leica Fotografie“, die zur Zeit im Münchner Kunstfoyer zu besichtigen ist.

Oskar Barnack: Wetzlar Eisenmarkt, 1913 (Foto: © Leica Camera AG, 2016/Kunstfoyer)

Oskar Barnack: Wetzlar Eisenmarkt, 1913 (Foto: © Leica Camera AG, 2016/Kunstfoyer)

Wetzlar zu Beginn der 1910er-Jahre. Der Feinmechaniker Oskar Barnack leitet die Versuchswerkstatt der Ernst-Leitz-Werke und arbeitet an der Entwicklung von Filmkameras. Und der leidenschaftliche Hobbyfotograf ist genervt, denn er leidet an Asthma und es fällt ihm nicht leicht, immer die schweren und unhandlichen Plattenkameras mit Zubehör durch die Gegend zu schleppen. Er selbst beschrieb das einmal so: „Es war allerlei Gepäck. Beim Hinaufkeuchen auf die Bergeshöhen muss mir der Gedanke gekommen sein: ‚geht das nicht anders zu machen?'“ Also setzte sich der Tüftler in sein Labor und begann zu konstruieren. Sein Ziel: „Kleines Negativ – Großes Bild“. Im März 1914 notiert er in sein Werkstattbuch: „Liliput-Kamera mit Kinofilm fertiggestellt“, ein handlicher Fotoapparat, der in die Jackentasche passt, für den er das im Kino gebräuchliche Negativformat auf 24 x 36 Millimeter verdoppelt und damit einen für die Kleinbildfotografie des 20. Jahrhunderts verbindlichen Standard geschaffen hatte.

Anton Stankowski, Begegnung Rüdenplatz, 1932 (Foto: © Stankowski-Stiftung, 2016/Kunstfoyer)

Anton Stankowski, Begegnung Rüdenplatz, 1932 (Foto: © Stankowski-Stiftung, 2016/Kunstfoyer)

Einige Aufnahmen in der Ausstellung belegen, dass Barnack schon 1913 mit einem Prototyp der Kamera in Wetzlar unterwegs war und fotografiert hat. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte den Start der Serienproduktion, die nach Kriegsende erst 1925 beginnen konnte und den Nimbus der Marke Leica begründete. Als Oskar Barnack 1936 starb, waren bereits mehr als einhunderttausend Exemplare der Kamera verkauft. Die Vorteile lagen auf der Hand: die Leica – ihre am Bauhaus orientierte Formensprache hat sich bis heute nicht grundlegend geändert – war leicht, leise, diskret und immer einsatzbereit. Bald waren Objektivwechsel möglich – und anstatt der ständigen, unpraktischen Plattenwechsel nach jeder Aufnahme ließen sich vergleichsweise preiswert gleich 36 Aufnahmen nacheinander machen.

Robert Lübeck, Der gestohlene Degen,aus der Serie "Afrika im Jahre Null" (Auslandsreportage für Kristall) Belgisch Kongo, Leopoldville, 1960 (Foto:© Robert Lübeck, 2016/Kunstfoyer)

Robert Lübeck, Der gestohlene Degen,aus der Serie „Afrika im Jahre Null“ (Auslandsreportage für Kristall) Belgisch Kongo, Leopoldville, 1960 (Foto:© Robert Lübeck, 2016/Kunstfoyer)

Die von Hans-Michael Koetzle kuratierte Ausstellung war zuvor bereits in Hamburg, Frankfurt am Main, Berlin und Wien gezeigt und auf ihrer Tour immer wieder einmal ergänzt worden. Mit mehr als 400 Exponaten, darunter 370 Fotografien aus allen Epochen werden in 16 Kapiteln die unterschiedlichen Aspekte der Kleinbildfotografie von journalistischen Strategien über dokumentarische Ansätze bis hin zu freien künstlerischen Positionen beleuchtet.

 

Fred Herzog, Main Barber, 1968, courtesy of Equinox Gallery, Vancouver (Foto: © Fred Herzog, 2016/Kunstfoyer)

Fred Herzog, Main Barber, 1968, courtesy of Equinox Gallery, Vancouver (Foto: © Fred Herzog, 2016/Kunstfoyer)

Weltbekannte ikonischen Fotografien sind zu sehen, die sich unauslöschlich ins allgemeine Gedächtnis eingebrannt haben: Robert Capas „fallender Soldat“ aus dem spanischen Bürgerkrieg, der „Pfützenspringer“ des Leica-Pioniers Henri Cartier-Bresson, Alberto Cordas Porträt von Che Guevara, der Kuss am Time Square von Alfred Eisenstaedt oder die die Aufnahme der vor dem Napalm fliehenden Vietnamesen von Nic Út. Frühe Aufnahmen von Alexander Rodtschenko, Anton Stankowski, Elisabeth Hase, Paul Wolff, Ellen Auerbach und vielen anderen dokumentieren die innovativen Formen des Fotojournalismus mit bis neuen Einsatzmöglichkeiten, extremen Perspektiven und bisher nicht gekannter Spontanität. Fotografien der Kriegs- und Trümmerjahre unter anderem von Herbert List sind Thema und den Autoren-Fotografen wie Robert Frank und William Klein ist breiter Raum gewidmet.

Bruce Gilden, Ohne Titel, aus dem Zyklus "Portraits", 2013 (Foto: © Bruce Gilden, 2016/Kunstfoyer)

Bruce Gilden, Ohne Titel, aus dem Zyklus „Portraits“, 2013 (Foto: © Bruce Gilden, 2016/Kunstfoyer)

Und dann die Perspektiven, die sich der noch bis in die 1960er hinein zuweilen noch als „vulgär“ titulierten Farbfotografie boten. Arbeiten von William Eggleston, Keld Helmer-Petersen und Christer Strömholm sind ebenso zu sehen wie die beeindruckenden Porträts von Bruce Gilden bis hin zu den seriellen Filmstill-Adaptionen von Francois Fontaine, die in das digitale Zeitalter der Fotografie führen. Erstmals gewährt die Münchner Station kleine Einblicke in die bisher kaum bekannten spanischer und portugiesischer Leica-Fotografen.

Es ist eine mächtige, in jeder Hinsicht sehenswerte Schau, die aus Kunst- und kulturgeschichtlicher Perspektive verdeutlicht, wie sich das fotografische Sehen im 20. Jahrhundert verändert hat und bis heute in Bewegung ist. Bei einem Besuch wird es da nicht bleiben.

Bis zum 5. Juni 2016 im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung, Maximilianstraße 53 in München, täglich von 9 bis 19 Uhr, Eintritt frei. Ein Katalog ist im Kehrer Verlag erschienen und kosten 98 Euro. 

 

 

 

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