Entdeckungsreisen

Von Achim Manthey

Käthe deKoe, Game of Life 1 (Foto: Käthe deKoe, courtesy Ingo Seufert Galerie fürFotografie der Gegenwart)

Käthe deKoe, Game of Life 1 (Foto: Käthe deKoe, courtesy Ingo Seufert Galerie fürFotografie der Gegenwart)

In der bemerkenswerten Ausstellung „A Land is a Scape is a Soul“ setzen sich die Fotokünstlerinnen Steffi Pusch und Käthe deKoe mit der Darstellung und Wahrnehmung von Landschaften auseinander. 

Steffi Pusch, aus der Reihe "Rural England" (Foto: Steffi Pusch, courtesy Ingo Seufert, Galerie für Fotografie der Gegenwart)

Steffi Pusch, aus der Reihe „Rural England“ (Foto: Steffi Pusch, courtesy Ingo Seufert, Galerie für Fotografie der Gegenwart)

Sie emotionalisieren. Sie wecken Gefühle, sie erzeugen Illusionen von Weite, Unendlichkeit und Freiheit. Sie können glücklich machen, euphorisch und neugierig, aber auch beklommen oder ängstlich. Bei jedem erzeugen sie andere Empfindungen, abhängig vom Augenblick, von Stimmungen und Tagesform. Seit jeher war die Landschaft in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen Inspiration für Künstlerinnen und Künstler in Literatur und Musik, vor allem aber in der Malerei und seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Fotografie. Oft hatten die Darstellungen von Natur- und Stadtlandschaften zunächst dokumentarischen Charakter, sie brachten dem Betrachter ferne, vielfach unerreichbar scheinende Gegenden nach Hause in die gute Stube und erweckten Sehnsüchte, ja manchmal auch utopische Lebensentwürfe. Doch immer häufiger fanden sich freie, individuelle Interpretationen des Wahrgenommenen durch die Kunstschaffenden, die eigene Sichten, auch autobiografische Elemente einbrachten und Missstände wie die Verschandelung von Umwelt und Natur und sowie die Veränderung der Lebensbedingungen von Mensch und Tier in ihre visuellen Betrachtungen einbeziehen.

Die Fotokünstlerinnen Steffi Pusch und Käthe deKoe sehen sich mit ihren Arbeiten in dieser Tradition und laden den Betrachter mit ihren ganz persönlichen, unterschiedlichen Sichtweisen zu einer Entdeckungsreise in Stadträume, Natur und Landschaft ein.

Steffi Pusch, aus der Reihe "The Swimmer" (Foto: Steffi Pusch, courtesy Ingo Seufert Galerie für Fotografie der Gegenwart)

Steffi Pusch, aus der Reihe „The Swimmer“ (Foto: Steffi Pusch, courtesy Ingo Seufert Galerie für Fotografie der Gegenwart)

Steffi Pusch, die seit 2008 im englischen Sussex lebt, ist in der Ausstellung „A Land is a Scape is a Soul“, die zur Zeit in der Münchner Galerie für Fotografie der Gegenwart zu sehen ist, mit einer Auswahl von Arbeiten aus vier Werkserien vertreten. Heiter geht es dabei nicht zu, die Bilder sind geprägt von schwer greifbaren Stimmungen. In  einfühlsamen Schwarz-Weiß-Aufnahmen adaptiert die 1965 geborene Künstlerin in „The Swimmer“, 2012 entstanden, die Kurzgeschichte gleichen Titels von S. J. Butler, die, kurz gefasst, von einer jungen Frau erzählt, die aus ihrem Fenster den nahe gelegenen Fluss beobachtet und allmählich ihre Angst verliert, in ihm zu schwimmen. 2014/15 entstand die Reihe „The Open Sky above“, in der Steffi Pusch einen Traum aufnimmt, der sie nachhaltig bewegt: Kopfunter an einem Baumast hängend versucht sie, festen Boden unter die Füsse zu bekommen – eine bildhafte Übertragung ihrer Erfahrungen bei der Flucht aus der DDR und dem Verlassen eines vermeintlich sicheren, doch isolierten Gesellschaftssystems. „In the Gap between Thoughts“ bietet zeitlose, durch Überblendungen entstandene Bildkompositionen, die den Betrachter zu stiller Verinnerlichung einladen wollen. Mit der nicht abgeschlossenen, seit 2011 verfolgten Werkreihe „Rural England“ verfolgt die Künstlerin die Landschaft ihrer neuen Heimat und nimmt den Betrachter mit auf eine Tour zum Kennenlernen der Gegend und der sich dort mit der Zeit einstellenden Veränderungen. Die Umsetzung dieser Idee scheitert in der Ausstellung allerdings an der nur geringen Zahl von Aufnahmen aus dieser Serie.

Käthe deKoe, Summer 2 (Foto: Käthe deKoe, courtesy Ingo Seufert Galerie für Fotografie der Gegenwart)

Käthe deKoe, Summer 2 (Foto: Käthe deKoe, courtesy Ingo Seufert Galerie für Fotografie der Gegenwart)

Den Werken von Steffi Pusch stehen sechs großformatige Farbkompositionen der Münchner Künstlerin Käthe deKoe gegenüber, die sich auch als Konzertfotografin einen Namen gemacht hat. Für sie ist Landschaftsfotografie primär die Begegnung und Interpretation des städtischen und ländlichen Raums in und um die bayerische Landeshauptstadt. Durch bewusst eingesetzte Bewegungsunschärfen entzieht sie den Motiven detaillierte Informationen, der konkrete, aus der Wirklichkeit abgebildete Raum wird nebensächlich, der Betrachter auf seine aus Erinnerung und Erfahrung gespeiste Vorstellungskraft verwiesen. Gelingt die Zuordnung bei Arbeiten wie „Game of Life 1“ oder „Surfer 1“ noch ohne größere Anstrengung, hebt sich das bei „Game of Life 3“ und „Summer 2“ weitgehend auf. Das Abbild wandelt sich zum autonomen Bild, zum Kunstwerk, das der eigenen emotionalen Interpretation zugänglich wird.

Die Ausstellung führt die gegenpoligen Ansätze der beiden Künstlerinnen in bemerkenswerter Weise zusammen. Sie hat Tiefgang und bietet intellektuelle wie Gefühle ansprechende Herausforderung gleichermaßen. Insoweit keine leichte Kost.

Bis zum 30. April 2016 bei Ingo Seufert, Galerie für Fotografie der Gegenwart, Schleißheimer Straße 44 in München, Di. bis Fr. 14 bis 19 Uhr, Sa. 11 bis 15 Uhr, Eintritt frei.

 

 

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu “Entdeckungsreisen

  1. Pingback: Achim Manthey bespricht die Ausstellung "A Land ...", 22.4.2016 | Ingo Seufert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s