Empathie im Bild

Von Achim Manthey

The End of a Day in Long Island City, Queens, NY 1980 (Foto: © Robert Herman)

The End of a Day in Long Island City, Queens, NY 1980 (Foto: © Robert Herman)

Das Münchener Amerikahaus präsentiert eine Auswahl von Arbeiten aus der Serie „The New Yorkers“ des Fotografen Robert Herman. Sie sind eine besondere Liebeserklärung an seine Stadt und ihre Menschen. 

Die Abendsonne taucht den Bahnsteig einer Station auf Long Island in plakativ rostrotes Licht. Eine Frau in Mantel und mit umgehängter Tasche wartet allein auf einen Zug, das Licht zeichnet ihren harten Schatten auf die graffitibunte Wand, an der ein knallrotes Werbeplakat in doppeltem Wortsinn „Pall Mall Light“ anpreist. Und darüber, auf dem schmalen Streifen eines viel zu blauen Himmels erkennt man einen sich entfernenden Düsenjet. „The End of a Day in Long Island City“ hat der Fotograf Robert Herman diese 1980 entstandene Aufnahme genannt.

The Road Goes On, Brooklyn, NY 2005 (Foto: © Robert Herman)

The Road Goes On, Brooklyn, NY 2005 (Foto: © Robert Herman)

New York und seine Menschen. Die Einladung zum Kommen und Bleiben entstammt einem Sonett der Dichterin Emma Lazarus und ist seit 1903 als Inschrift in die Freiheitsstatue gemeißelt: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten.“ Und obwohl die Einwanderungspolitik auf der anderen Seite des großen Teichs durchaus nicht immer daran hielt, entstand dieser niemals schlafende Schmelztiegel am Hudson River, der schon früh auch die Fotografen angelockt und in seiner überbordenden Vielfalt fasziniert hat.

Robert Herman, 1955 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren, kam als Filmstudent an der New York University autodidaktisch zur Fotografie. Ausgestattet mit der Nikon-Kamera seines Vater und einem klassischen 50mm-Reportage-Objektiv durchstreifte er die Straßen seiner Stadt, beobachtete die Menschen auf den Straße, nahm Kontakt zu den Menschen seines Viertes auf – und brachte sich die Kunst der Fotografie selbst bei. 27 Jahre lang, zwischen 1978 und 2005, arbeitete der an seiner Serie „The New Yorkers“. Sie entstand ausschließlich auf Kodachrome, diesem Dia-Film, der aufgrund seiner Brillanz die (analoge) Farbfotografie maßgeblich prägte und seit 2009 nicht mehr produziert wird.

Self Portrait in Flower Shop Window, NY 1981 (Foto: © Robert Herman)

Self Portrait in Flower Shop Window, NY 1981 (Foto: © Robert Herman)

Herman ist beeindruckt von dem städtischen und sozialen Umfeld, in dem die New Yorker Menschen leben, und genau in diesem Umfeld zeigt er sie. Dabei ist das Werk nicht so epochal, eindringlich und zuweilen pathetisch wie Robert Franks Lebensaufgabe „The Americans“, an die man angesichts des Titels zuerst denken mag. Robert Herman bringt in seine Straßenfotografie, der die Arbeit zuzuordnen ist, nicht nur das dokumentarische Element, sondern Liebe, Empathie und Wärme. Es gelingt ihm wie bei der Frau auf dem Bahnsteig, bei den alten Männern im Kaffeehaus oder dem Zugschaffner, bei aller Distanz eine besondere Nähe zu seinen Protagonisten aufzubauen und sie einzubetten in die Architektur und das soziale Umfeld. Mag sein, dass die bipolare Störung, unter der Herman zu leiden hat, ihm die Bemessung noch erträglicher Nähegrade bei seiner Arbeit als Fotograf erleichtert.

Die Ausstellung zeigt überwiegend in den Achtzigerjahren entstandene Aufnahmen, in denen man Zitate früherer Fotografenkollegen zu erkennen meint, etwa bei „Elisabeth Street“, das an den berühmten „Muscle Boy“ von Leonard Freed erinnert, oder bei den stark grafisch strukturierten, von vielen Spiegelungen, Linien und Ausschnitten bestimmten Mehrfachbelichtungen, die an Arbeiten von Saul Leiter denken lassen. Aber immer bleibt diese Herzenswärme, die den Fotografien von Robert Herman ihre Alleinstellung verleihen.

Bis zum 31. Dezember 2015 in Amerikahaus, Karolinenplatz 3 in München, Mo. bis Fr. 10 bis 17 Uhr, Mi. bis 20 Uhr, Eintritt frei. An den Weihnachtsfeiertagen geschlossen.

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