Abstrakte Interpretationen urbanen Lebens

Von Achim Manthey

Saul Leiter, Driver, 1950's (Foto: © Saul Leiter, courtesy by Galerie f5,6 München)

Saul Leiter, Driver, 1950’s (Foto: © Saul Leiter, courtesy by Galerie f5,6 München)

Im zweiten Teil ihrer sommerlichen Reihe mit Pionieren der Farbfotografie zeigt die Münchner Galerie f 5,6 Arbeiten des amerikanischen Malers und Lichtbildners Saul Leiter. Er war ein Meister der Atmosphäre und Wegbereiter der abstrakten Fotografie.

New York. Ein Mann überquert eine Straße. Eleganter schwarzer Anzug, der weiße Hemdkragen blitzt auf, einen Florentiner Strohhut, der runden Form wegen auch Kreissäge genannt, trägt er auf dem Kopf, die Hände sind in den Hosentaschen vergraben. Das für sich genommen ergibt noch kein besonders außergewöhnliches Bild. Wäre da nicht das gelbe Taxi mit der grünen Absetzung auf Motor- und Kofferraumhaube und der gleichfarbigen Borte an der Seite vor einem Gebäude mit blauen Fassadenteilen, die der fotografischen Komposition von Saul Leiter aus dem Jahr 1955 in ihrer Gesamtheit zu einer wahren Explosion der Farben verhilft. Man with Straw Hat ist die Aufnahme betitelt.

Saul Leiter, Untitled (Street Scene), 1950's (Foto: © Saul Leiter, courtesy by Galerie f5,6 München)

Saul Leiter, Untitled (Street Scene), 1950’s (Foto: © Saul Leiter, courtesy by Galerie f5,6 München)

Das expressive Spiel mit Farben ist nur ein Aspekt im Werk dieses Künstlers. Regentropfen und Schmutzschlieren auf Autoscheiben (Red Umbrella, cirka 1955) oder Schaufenstern (Walking, 1952), auch Schneeflocken (Postmen, 1952 oder Green Light against Grey, 1955) nutzt er als Weichzeichner, Markisen, Mauervorsprünge, Stellwände und immer wieder Schirme als Sichtblenden und Raumteiler, die bis zu Dreiviertel der Aufnahmen einnehmen.

Saul Leiter wird am 3. Dezember 1923 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren. Nach dem Vorbild seines Vaters, eines bekannten Talmud-Gelehrten, studiert er zunächst, um selbst Rabbiner zu werden. Aber mit 23 Jahren verlässt er die Religionsschule und geht nach New York, wo er für den Rest seines Lebens sesshaft bleiben wird. Er trifft den Maler Richard Pousette-Dart, der selbst mit der Fotografie experimentiert und ihn an dieses Medium heranführt. Leiter beginnt, in schwarz-weiß zu fotografieren, ab Ende der 1940er Jahre in Farbe. Edward Steichen nimmt einen Teil seiner Arbeiten in die Ausstellung Always the Young Stranger im MOMA aus. Fast 20 Jahre lang arbeitet Leiter als Modefotograf für verschiedene Magazine wie EsquireHarper’s Bazaar und Elle. Am 26. November 2013 stirbt er 90-jährig in New York.

Saul Leiter, Mondrian Worker, 1954 (Foto: © Saul Leiter, courtesy by Galerie f5,6 München)

Saul Leiter, Mondrian Worker, 1954 (Foto: © Saul Leiter, courtesy by Galerie f5,6 München)

Den Gedanken an Abstraktion verlor Saul Leiter nicht aus den Augen. Der Farbfilm bot ihm die Möglichkeit, die formalästhetischen Prinzipien des Abstrakten Expressionismus, dem er verhaftet bleibt, mit der Fotografie zu verbinden. Überlagerung von Blickrichtungen, Verschiebungen und Durchbrüche führen zu abstahierten Formen und innovativen Kompositionen; die erlauben lediglich streifenhafte Blicke auf Straßenszenen in in Driver aus den 1950ern. Es sind Interpretationen des Urbanen, wurzelnd in der Malerei mit der formalen Betonung von Linien und Flächen. „Fotografien werden oft als Höhepunkte der Realität behandelt. Aber eigentlich sind es kleine Fragmente von Andenken dieser unvollendeten Welt“, beschrieb es der Künstler selbst einmal.

Viele Jahre lang galt die Farbfotografie in der Kunst als verpönt. Walker Evan nannte sie noch 1959 „vulgär“. Saul Leiter gilt – lange vor William Egglestone mit seiner legendären Ausstellung im MOMA 1979 – neben Robert Frank, Diane Arbus oder Helen Lewitt – die Kunsthistorikerin Jane Livingstone bezeichnete sie sehr viel später als New York School of Photographers – als einer der Wegbereiter der Farbfotografie in den 1940er und 1950er Jahren – und als einer der Pioniere der Abstrakten Fotografie. Die kleine Münchner Ausstellung belegt das eindrucksvoll.

Bis zum 31. Juli 2015 in der Galerie f5,6, Ludwigstraße 7 in München, Mi. bis Fr. 12 bis 18 Uhr, Sa. 11 bis 15 Uhr, Eintritt frei.

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