Kleine Freiheit am großen Fluss

Von Achim Manthey

Pferd Ali im Garten des Skilehrers, Medwedkowo, Kasan, Russland 2012 (Foto: © Monika Höfler)

Nastrovje! Pferd Ali im Garten des Skilehrers, Medwedkowo, Kasan, Russland 2012 (Foto: © Monika Höfler)

Im August 2012 verbrachte die Münchner Fotografin Monika Höfler zwei Wochen in einer Datschensiedlung in der Nähe der russischen Stadt Kasan an der Wolga. Ihre dort entstandene Reportage „Russischer Sommer“ ist nun in einer Kabinettausstellung im Münchner Stadtmuseum zu sehen. 

Jazzpianist Oleg, Gast auf der Datscha bei Farida und Wladimir, gewinnt das Trinkspiel, Medwedkowo, Kasan, Russland 2012 (Foto: © Monika Höfler)

Jazzpianist Oleg, Gast auf der Datscha bei Farida und Wladimir, gewinnt das Trinkspiel, Medwedkowo, Kasan, Russland 2012 (Foto: © Monika Höfler)

Oleg schafft’s als erster. Der Jazzpianist gewinnt diesen Wettbewerb, bei dem das bis zum Rand mit Wodka gefüllte Wasserglas erst auf dem Oberarm balanciert wird und dann, ohne es anzufassen, zum Mund geführt und in einem Zug geleert werden muss. Diese Trinkspiele gehören dazu, wenn sich die Bewohner von russischen Datschensiedlungen in geselliger Runde zusammenfinden.

Für viele Russen ist ein Leben ohne ihre Datscha unvorstellbar. Das Häuschen im Grünen, meist in den Gürteln der Städte gelegen und schnell erreichbar, bringt eine kurze Zeit der geistigen und materiellen Freiheit, ist kollektiver Rückzugsraum abseits städtischer Enge und den negativen Einflüssen, die Kapitalismus und Korruption mit sich bringen. Man genießt das einfache Leben, ist vordergründig Gleicher unter Gleichen, geht baden oder in die Sauna, redet und trinkt gemeinsam eben dieses Destillat aus Getreide, Kartoffeln oder – schlimmstenfalls – Melasse, das im Deutschen oft fälschlicherweise als Wässerchen bezeichnet wird.

Mit Pascha und seiner Familie und Freunden auf der Datscha, Uslon, Kasan, Russland 2012 (Foto: © Monika Höfler)

Mit Pascha und seiner Familie und Freunden auf der Datscha, Uslon, Kasan, Russland 2012 (Foto: © Monika Höfler)

Jedes Jahr am 9. Mai beginnt in Russland die Datschensaison. Das hat lange Tradition. Zuerst waren es Landgeschenke der Zaren und Fürsten an treue Vasallen. In der Zeit nach der Oktoberrevolution nahmen Stadtbewohner brachliegende Parzellen in Besitz und bauten darauf Hütten oder einfache Häuser, ein kleines Refugium zur Erholung von der Enge in den kommunalen Wohnungen, aber auch, um auf den Grundstücken  eigenes Obst und Gemüse anzubauen. Bis in die 1990er Jahre hinein war der Zuschnitt der Datschen mit 600 Quadratmetern Land, das mit einem einfachen Sommerhäuschen bebaut werden durfte, einheitlich reglementiert. Seither hat sich vieles gelockert und die leichten Behausungen wurden durch feste Bauten ersetzt, die sommers wie winters genutzt werden können.

Mit Latex in die Wolga. Lena, eine Moskauer Touristin geht baden. Uslon, Kasan, Russland 2012 (Foto: © Monika Höfler)

Mit Latex in die Wolga. Lena, eine Moskauer Touristin geht baden. Uslon, Kasan, Russland 2012 (Foto: © Monika Höfler)

Die Münchner Fotografin Monika Höfler verbrachte im August 2012 zwei Wochen in Datschensiedlungen nahe der Stadt Kasan an der Wolga und hat das dortige Leben in einer Reportage dokumentiert, die im Oktober 2012 unter dem Titel „Russischer Sommer“ mit einem beeindruckenden Text von Sven Behrisch zunächst in der Zeitschrift Das Magazin erschienen und nun in einer Kabinettausstellung im Münchner Stadtmuseum zu sehen ist.

Auf den atmosphärisch dichten, farbstarken Bildern begegnen wir Pascha, dem Inhaber einer kleinen Werbeagentur, mit seiner Familie und seinen Freunden oder der Anwältin und Aktivistin Farida und ihrem Mann Wladimir oder einer Moskauer Touristin, die im Latex-Einteiler in der Wolga badet. Und Ali das Pferd säuft mal kurz aus dem Pool des Skilehrers.

Die Villa von Kamil Schaidarow, dem Oligarchen von Kasan, und die Datscha seines armen Nachbarn Matjuschino, Kasan, Russland 2012 (Foto: © Monika Höfler)

Die Villa von Kamil Schaidarow, dem Oligarchen von Kasan, und die Datscha seines armen Nachbarn Matjuschino, Kasan, Russland 2012 (Foto: © Monika Höfler)

Aber die Fotografien offenbaren auch gravierende Diskrepanzen hinter der Urlaubsidylle. Auf engstem Raum stehen sich geballt soziale Ungleichheiten gegenüber, Menschen, die täglich um ihre Existenzkämpfe leben dort Zaun an Zaun mit Neureichen, die sich selbst verwirklichen und stolz ihren Reichtum und Besitz zur Schau stellen.

Die Forumsausstellungen der Sammlung Fotografie des Stadtmuseums finden im Durchgang statt. In diesem Fall passt das, denn die von Rudolf Scheutle kuratierte Schau wirft lediglich ein eiliges Schlaglicht, liefert eine Momentaufnahme vom heiteren, ausgelassenen Lebensgefühl russischer Menschen in einem Rückzugsraum zwischen Putin und Privatem. Die Sorgen bleiben in der Stadt. Wenn auch nur für kurze Zeit.

Bis zum 30. August 2015 im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, Di. bis So. 10 bis 18 Uhr.

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu “Kleine Freiheit am großen Fluss

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s