Geschlossene Gesellschaft

Von Achim Manthey

 

Lothar Wolleh, Das Konzil 1962-1965 © Lothar Wolleh, courtesy by Galerie f 5,6 München

Lothar Wolleh, Das Konzil 1962-1965 © Lothar Wolleh, courtesy by Galerie f 5,6 München

Die Münchner Galerie f 5,6 widmet sich in diesem Frühjahr und Sommer zwei Pionieren der Farbfotografie. Den Anfang macht die Ausstellung „Vaticanum II“ mit Arbeiten des deutschen Fotografen Lothar Wolleh. 

Die Angelegenheit war ernst. Ging es doch um nichts geringeres als um Fragen nach einer Öffnung der katholischen Kirche hin zum Weltlichen. Mehr als 3000 Purpur- und andere kirchliche Würdenträger waren auf päpstlichen Ruf nach Rom gereist, bevölkerten den Platz vor dem Petersdom und die Gassen der Heiligen Stadt, drängten sich in das enege Chorgestühl des Vatikans, ernst, streng und bisweilen entrückt schauend.

Die Konzilsväter schauten ernst, streng und bisweilen entrückt. Lothar Wolleh, das Konzil 1962 bis 1965 © Lothar Wolleh, courtesy by Galerie f 5,6 München

Die Konzilsväter schauten ernst, streng und bisweilen entrückt. Lothar Wolleh, das Konzil 1962 bis 1965 © Lothar Wolleh, courtesy by Galerie f 5,6 München

Das Zweite vatikanische Konzil fand vom 11. Oktober 1962 bis zum 8. Dezember 1965 unter Leitung von Papst Johannes XXIII. statt und wurde nach dessen Tod im Jahre 1963 durch seinen Nachfolger, Papst Paul VI., fortgesetzt. Mit einer vollkommenen Kehrwende endete das Vaticanum II nicht. Aber neben anderem wurde mit der Dignitatis humanae nicht zuletzt eine grundlegende Neupositionierung der katholischen Kirche und eine Korrektur der eigenen Lehre hin zu einer Anerkennung der Religionsfreiheit in der bürgerlichen Gesellschaft sowie einen verstärkten Dialog mit Nicht- und Andersgläubigen beschlossen.

Dass der Fotograf Lothar Wolleh in diesem eigentlich arkanen, der Öffentlichkeit verschlossenen Raum überhaupt die Chance erhalten hatte, als Externer das Ereignis fotografisch zu dokumentieren, war eine Sensation. Wolleh (1930 bis 1979) hatte zu diesem Zeitpunkt bewegende Jahre hinter sich. Ende der 1940er Jahre hatte er bei Ernst Rudolf Vogenauer an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee studiert. 1950 wurde er wegen angeblicher Spionage durch die russische Besatzung verhaftet und, nachdem die anfänglich gegen ihn verhängte Todesstrafe in Zwangsarbeit umgewandelt worden war, im Straflager Workuta in der UdSSR inhaftiert. Erst 1956 konnte er nach Berlin zurückkehren. Nach einer Ausbildung im Lette-Verein, einer Berufsfachschule für Fotografie, Grafik und Mode in Berlin, studierte er von 1951 bis 1961 an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen. Zu seinen Lehrern gehörte der deutsche Fotograf Otto Steinert. Von 1962 bis 1979 arbeitete er überwiegend als freischaffender Werbefotograf in Düsseldorf.

Auf Anregung des Malers und Objektkünstlers Günther Uecker begann er 1967, systematisch mehr als einhundert international bekannte Maler, Bildhauer und Aktionskünstler zu portraitieren. Aus dem Zyklus entstanden mehrere Fotobuch-Projekte. Zu den maßgeblichen Arbeiten zählen die prachtvollenFarbfoto-Folianten Das Konzil (1965) und Apostolorum Limina (1975), mit dem er die Feierlichkeiten zum Heiligen Jahr dokumentiert hatte.

Lothar Wolleh, Das Konzil 1962-1965 © Lothar Wolleh, courtesy by Galerie f 5,6 München

Lothar Wolleh, Das Konzil 1962-1965 © Lothar Wolleh, courtesy by Galerie f 5,6 München

Die Münchner Ausstellung zeigt die ganze Vielfalt des Geschehens während des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom. Portraits von Mönchen, Priestern und hohen Würdenträgern in den Straße der Stadt sind neben Konzilsvätern auf den Tribünen und den Sekretären auf der Empore zu sehen. Auch eine Bischofsweihe und liturgische Handlung in all ihrer Farbenpracht und Festlichkeit hat Wolleh festgehalten. Bewusst gesetzte Unschärfen erzeugen Dynamik und Spannung, Spiegelungen und Doppelungen durch Mehrfachbelichtungen oder den Einsatz spezieller Linsenvorsätze die hohe Emotionalität des Abgebildeten. Und von zwei Kardinälen, nur als Silouetten erkennbar den Petersdom verlassend, wie sie der untergehenden Sonne entgegen gehen, geht ein Hauch von Hoffnung daran aus, dass etwas von der Arbeit bleibt. Die Fotografien haben das ikonische Gedächtnis des 20. Jahrhunderts geprägt.

Bis zum 31. Juli 2015 in der Galerie f 5,6, Ludwigstraße 7 in München, Mi. bis Fr. 12 bis 18 Uhr, Sa. 11 bis 15 Uhr, Eintritt frei.

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