Fliegende Pferde

Von Achim Manthey

 

Eardweard Muybridge, Striking a blow with right hand (Modell: Ben Bailey) aus "Animal Locomotion" 1887 © Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne München

Eadweard Muybridge, Striking a blow with right hand (Modell: Ben Bailey) aus „Animal Locomotion“ 1887 © Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne München

Eine kleine Ausstellung in der Pinakothek der Moderne zeigt Bilderfolgen aus dem epochalen Tafelwerk „Animal Locomotion“ von Eadweard Muybridge. Er war ein Pionier der Bewegungsfotografie. 

Leland Stanford wollte es ganz genau wissen. Gestützt auf eine Studie des französischen Physiologen Étienne Jules Marey, in der so etwas angedeutet war, hatte der Eisenbahnmagnat und ehemalige Gouverneur von Kalifornien in einer Wette behauptet, dass sich in einem bestimmten Moment des Galopps alle vier Hufe eines Pferdes in der Luft befänden. Nur, wie könnte man das nachweisen? 1872 beauftragte er den Fotografen Eadweard Muybridge, den für das menschliche Auge im Detail nicht erkennbaren Bewegungsablauf durch Bilder zu analysieren. Ein schwieriges Unterfangen, denn anders als die modernen Kameras ließen sich mit den Fotoapparaten zu jener Zeit keine Serienaufnahmen herstellen. Durch einen komplizierten Aufbau mit 16 Kameras, die alle mit Hochgeschwindigkeitsverschlüssen ausgestattet waren und über einen elektronischen Mechanismus sukzessive ausgelöst wurden, gelang ihm erstmals der in Einzelfotografien sichtbare Beweis, dass Stanfords Behauptung zutraf.

Eadweard Mulbridge, "Ruth" bucking and kicking, aus "Animal Locomotion" 1887 © Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne München

Eadweard Mulbridge, „Ruth“ bucking and kicking, aus „Animal Locomotion“ 1887 © Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne München

Eadweard Muybridge wird am 9. April 1830 im englischen Kingston upon Themse geboren. 1852 übersiedelt er in die USA und beginnt, sich der Fotografie zu widmen. Als Landschaftsfotograf macht er sich mit Aufsehen erregenden Werkreihen, die im Yosemite Nationalpark oder in Alaska entstehen, bald einen Namen. Berühmt wird er jedoch vor allem durch seine bemerkenswerten Bewegungsstudien, die ihn zu einem Pionier der Bewegungsfotografie machen.

1874 tötet er den Liebhaber seiner Frau, den Theaterkritiker Harry Larkin, wird jedoch wegen „entschuldbaren Mordes“ freigesprochen. Der Fall ging als die „Larkin-Affaire“ in die Annalen ein. Muybridge geht nach Mittelamerika, wo er den Isthmus von Panama dokumentiert. Erst 1876 kehrt er nach San Francisco zurück. Am 8. Mai 1904 stirbt er in seinem Geburtsort Kingston upon Themse.

Eadweard Muybridge, Throwing an iron disk, aus "Animal Locomotion" 1887 © Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne München

Eadweard Muybridge, Throwing an iron disk, aus „Animal Locomotion“ 1887 © Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne München

Nach dem Erfolg mit den Rennpferden setzt Muybridge seine Experimente mit Bewegungsstudien bei anderen Tieren und Menschen fort. Durch die aufwändigen Aufbauten von bis zu 32 nacheinander geschalteten Apparaten werden in den Fotografien kleinste Nuancen in den Muskelbewegungen erkennbar. Trabende Pferde, gehende Elefanten und auskeilende Esel dokumentiert er ebenso wie – unter Mitwirkung von Studenten und Profisportlern – Boxer, Steine- und Diskuswerfer oder Tänzerinnen. Die Szenen sind häufig einfach, aber aufschlussreich: bockspringende Jungs oder eine nackte Frau, die aus einem Wasserkrug trinkt, den eine andere, auch nackte Frau auf der Schulter trägt. Häufig sind die menschlichen und tierischen Modelle aus unterschiedlichen Betrachtungswinkeln seitlich, frontal oder von hinten aufgenommen, was die Dokumentation perfektioniert.

1887 erscheint das epochale, großformatige Tafelwerk „Animal Locomotion“, für das der Künstler über 20 000 Einzelaufnahmen machte und in 781 Bewegungssequenzen zeigt. Das Werk zählt bis heute zu den einflussreichsten der Fotografiegeschichte und diente auch als Inspirationsquelle für zeitgenössische Künstler wie Andy Warhol, Francis Bacon oder Cy Twombly.

In der sehenswerten Münchner Ausstellung sind 24 originale Lichtdrucktafeln aus der Sammlung der Stiftung Ann und Jürgen Wilde zu sehen. Sie stellen einen repräsentativen Querschnitt durch das Werk dieses Lichtbildkünstlers dar.

Bis zum 4. Oktober 2015 in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40 in München, täglich außer Mo. 10 bis 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr.

 

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