Anziehende Gegensätze

Von Achim Manthey

 

Eva Gantar, aus der Serie "Breakfast", 2015 © Eva Gantar, courtesy Galerie Ingo Seufert

Eva Gantar, aus der Serie „Breakfast“, 2015 © Eva Gantar, courtesy Galerie Ingo Seufert

Die Galerie Ingo Seufert in München präsentiert eine kleine Werkschau mit Arbeiten der Wiener Fotografin Eva Gantar. Sie zeigen teils überraschende Synergien im Alltäglichen.

Eva Gantar, Vacation I, 2012 © Eva Gantar, courtesy Galerie Ingo Seufert

Eva Gantar, Vacation I, 2012 © Eva Gantar, courtesy Galerie Ingo Seufert

Trutzig wie eine Kreuzfahrerfestung überragt der mächtige Gastank die kleine Bucht irgendwo am Meer im nördlichen Italien. In weitem Bogen zieht sich ein schmutzig-grauer Strand das Ufer entlang, auf dem eine kleine Menschengruppe in Badekleidung Platz genommen hat. Urlaubs- oder Freizeitvergnügen kontrastiert mit dem durch die Industrieanlage kontaminierten Ort. Eine andere Aufnahme zeigt Menschen, die sich am Rand eines Kieswerks sonnen oder mit einen quietschgelben Gummiboot über den Baggersee paddeln. Und zwei von Kopf bis Fuss mit braunem Schlamm bedeckte Jungen laufen über ein Betriebsgelände. Man möchte gar nicht so genau wissen, was in dem Dreck drin ist. Die 2012 im österreichischen Feldkirch und in Norditalien entstandene Serie Vacation irritiert den Betrachter durch ihren eigentümlichen Spannungsbogen zwischen Freizeit und Industrie.

Eva Gantar, 1973 geboren und in Wien lebend und arbeitend, ist diplomierte Architektin. Ihre fotografische Arbeit geht von einem konzeptionellen Ansatz aus. Den vorübergehende Moment verknüpft sie mit Realitätsebenen, deren Zusammenhänge sich auf den ersten Blick nicht vollends entschließen und entdeckt werden wollen.

Eva Gantar, aus der Serie "Crossroad", 2009 © Eva Gantar, courtesy Galerie Ingo Seufert

Eva Gantar, aus der Serie „Crossroad“, 2009 © Eva Gantar, courtesy Galerie Ingo Seufert

In einer kleinen Werkschau zeigt die Galerie Ingo Seufert zwanzig Fotografien aus drei Werkreihen. Crossroads aus dem Jahr 2009 besteht aus experimentellen Arbeiten, deren Grundlage eine einzige aus Vogelperspektive aufgenommene fotografische Straßenszene darstellt. In aufwändigen Verfahren wurde das Bild auf speziellen Trägermaterialien gefroren und bis hin zur motivischen Auflösung wieder und wieder abgelichtet.

Die jüngste Werkreihe Breakfast (2009 bis 2015) zeigt eine abstrakte Folge von Frühstücks-Szenen in Draufsichten. Menschen sind nicht zu sehen, sondern die unterschiedlichen Bestandteile ihres ersten Mahls am Tag. Sie lassen Rückschlüsse zu auf die dahinter stehenden Charaktere, ihre Lebensweisen und kulturellen Codes. Was zum Beispiel braucht der Arbeiter im Hof des Wiener Hauses, in dem Falco lebte, wenn er seine Brotzeit macht? Ob wohl der Hammer dazu gehört? Der Architekt, offenbar geschäftig, hat seinen Kaffee auf einem Schalungsbrett am Bau abgestellt. Die Fotografien sind humorvolle Analysen soziologischer Gegebenheiten, die sich sowohl wiederholen wie einmalig bleiben können.

Die Schau wirkt auf den ersten Blick profan, ja eigentümlich. Bei näherer Beschäftigung indes entpuppen sich die Arbeiten als vielfältig und verführerisch. Sie beweisen einmal mehr, dass man nur mit dem Herzen gut sieht – auch wenn es ein interpretierendes Sehen ist.

Bis zum 26. Mai 2015 bei Ingo Seufert, Galerie für Fotografie der Gegenwart, Schleißheimer Straße 44 in München, Mo. bis Fr. 14 bis 19 Uhr, Sa. 11 bis 15 Uhr, Eintritt frei.

 

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu “Anziehende Gegensätze

  1. Pingback: Achim Manthey bespricht die Ausstellung von Eva Gantar, 13.5.2015 | Ingo Seufert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s