Asien analog – Wie aus der Zeit gefallen

Von Achim Manthey

 

Julia Thalhofer, Thinking, Chiang Rai, Thailand 2012 (Foto: © Julia Thalhofer)

Julia Thalhofer, Thinking, Chiang Rai, Thailand 2012 (Foto: © Julia Thalhofer)

Die Fotografin Julia Thalhofer hat ihre Reisen nach Asien mit Polaroid-Aufnahmen dokumentiert. Das faszinierende Ergebnis ist nun in einer Münchner Ausstellung zu sehen 

Irgendwo an einem Straßenrand. Auf einem hölzernen Unterbau, vor dem ihre Pantoffeln abgestellt sind, hat die Händlerin unter einem Schirm ihre Waren, Obst und Gemüse, vor und neben sich aufgebaut. Sie selbst hockt auf einem Schemel und arbeitet etwas in eine Schale hinein. An der Wand im Hintergrund hängen Jacke und Körbe. Alltag in einem unbekannt bleibenden Ort in Thailand. Eine andere Aufnahme zeigt eine Uferlandschaft mit angelandetem Boot, weitere Bilder einen bunt blühenden Baum mit vorübereilenden Passanten, ein verfallendes Sofa auf dem Gehsteig oder ein Federvieh, das auf einem an einem Hauseingang postierten Korb thront.

In der Ausstellung sind 140 Polaroids und 14 Prints zu sehen (Foto: Ingo Seufert Galerie für Fotografie der Gegenwart)

In der Ausstellung sind 140 Polaroids und 14 Prints zu sehen (Foto: Ingo Seufert Galerie für Fotografie der Gegenwart)

In ihren Pastellfarben und Sepiatönungen wirken die Bilder wie aus der Zeit gefallen, erinnern an Fotografien aus der Frühzeit des Mediums, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Lichtbildner wie Felix Beato, der Österreicher Baron Stillfried oder Kusakabe Kimbei und John Thompson ihre sperrigen Ausrüstungen schulterten und sich auf machten, um die fremden Länder Asiens zu erkunden und in fotografischen Bildern festzuhalten, wobei sich die Künstler vor allem in der frühen japanischen Fotografie häufig der Nachkolorierung der Abzüge bedienten.

Die junge Fotografin Julia Thalhofer, die an der Hochschule München Fotodesign studiert hat und in Inning am Ammersee lebt und arbeitet, hat ihre Asienreisen in den Jahren 2012 und 2013 mit leichterem fotografischen Gepäck bestritten, das gleichwohl im digitalen Zeitalter ein wenig anachronistisch anmutet. Denn sie hat moderne Polaroid-Kameras und das dazu passende Bildträgermaterial verwendet (das nach Einstellung der Produktion nicht mehr Polaroid heißt, als Gattungsname aber erhalten blieb).

Julia Thalhofer, Tree, Pushkar, Indien 2013 (Foto: © Julia Thalhofer)

Julia Thalhofer, Tree, Pushkar, Indien 2013 (Foto: © Julia Thalhofer)

Polaroid. Das, was Edwin Herbert Land mit seinem Team schon in den 1940er Jahren entwickelt hatte, war lange vor dem digital-fotografischen Tsunami die erste Möglichkeit des Sofortbildes und gerade deshalb nicht nur bei der breiten Masse, sondern auch bei Fotokünstlern wie Ansel Adams, Harry Callahan, Elliot Erwitt, Robert Frank oder Andy Warhol so beliebt. Die physikalische-chemischen Bedingungen haben sich seither nicht wesentlich verändert. Bis heute ist eine Steuerung der Aufnahme selbst nur begrenzt möglich, die Schärfentiefe bleibt unkontrollierbar, ebenso die bisweilen verwaschenen Farben. Und: Das Material arbeitet auch nach der anfänglichen Entwicklung gegebenenfalls über Jahre weiter. Dabei ist völlig ungewiss, wie lange und in welcher Intensität das Bild auf den Trägermaterial bleibt. Aufgrund der permanenten chemischen Reaktion unter dem Einfluss von außen einwirkender Faktoren wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit erhält jedes Bild die Qualität eines sich ständig verändernden Unikats.

Julia Thalhofer setzt diese Prozesse mit der ihnen innewohnender Vergänglichkeit ganz bewusst ein, um mit Aufnahmen von  unspektakulären, fast belanglos scheinenden Plätzen und Szenerien die in allmählichem Untergang begriffene Kultur Asiens festzuhalten. Gerade das macht für die Fotografin den Reiz bei der Verwendung dieses Materials aus. „Alles ist vergänglich. Das sehe ich auch immer wieder auf meinen Reisen durch Asien, deshalb passt das Polaroid auch so gut dort hin. Ich habe Orte gefunden, die ursprünglicher und einfacher sind als die Welt in der wir leben. Ein Leben ohne Zeitdruck, ohne Perfektion, mit viel Menschlichkeit und Fehlern. Fehler sind etwas sehr Ästhetisches, sie machen die Dinge für mich perfekt“, schreibt sie in einem Text zur Präsentation.

Die Ausstellung zeigt 140 Polaroids und 14 von ausgewählten Aufnahmen gefertigte, hochwertige Ausdrucke, die als Momentaufnahmen des flüchtigen Moments daherkommen und so einen Teil der gerade geschehenen Wirklichkeit darstellen. Und damit doch wieder zurückführen auf den ursprünglichen Wert der klassischen Fotografie. „Possible“, so ist der Titel der Schau. Möglich.

Bis zum 7. April 2015 bei Ingo Seufert, Galerie für Fotografie der Gegenwart, Schleißheimer Straße 44 in München, Mo. bis Fr. 14 bis 19 Uhr, Sa. 11 bis 15 Uhr, Eintritt frei.

 

 

 

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