Poesie in Schwarz-Weiß

Von Achim Manthey

Die Münchner Seidlvilla (Foto: Achim Manthey)

Die Münchner Seidlvilla (Foto: Achim Manthey)

Die Ausstellung „Déjà-vu“ in der Münchner Seidlvilla zeigt eine kleine Werkschau mit Arbeiten der Fotografin Barbara Gass. Viele Bilder sind elegische Selbstreflexionen der Künstlerin. 

Ihre Mädchen haben sie bekannt gemacht. Nicht die eigenen, sondern die, denen sich Barbara Gass auf zahllosen Reisen durch Spanien, Südfrankreich, die Schweiz und andere Länder mit ihrer Kamera angenähert hat. Misstrauisch, skeptisch schaut die Kleine auf dem 1987 auf Lanzarote entstandenen Foto, in München hüpft eine andere fröhlich an einer Gruppe auf Bänken sitzender alter Männer vorbei, die nächste posiert auf der Ladefläche eines Lieferwagens neben Kisten voller Auberginen. Die Portraits der Kinder wirken oft wie zufällig entstanden und sind doch sorgsam komponiert. Sie halten nicht nur einen Augenblick fest, sondern erzählen kleine und große Geschichten. Dabei ist nichts voyeuristisch. Die Fotografin kommuniziert mit ihren Modellen offen und unbefangen.

Barbara Gass, die bald ihren 75. Geburtstag feiern kann, wird in Augsburg geboren. Sie wäre gerne Schauspielerin geworden, aber die Otto-Falckenberg-Schule in München nimmt sie nicht an. Von 1958 bis 1960 studiert sie an der Bayerischen Staatslehranstalt für Lichtbildnerei und arbeitet danach als Fotografin am Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik. 1975 kehrt sie an die Fotoschule zurück, wo sie im Jahr darauf die Meisterprüfung besteht. Und mit der Schauspielerei hat es später auch noch geklappt. Sie lernt Herbert Achternbusch kennen, in dessen Filmen sie bis in die 1980er Jahre hinein mitspielt und den sie immer wieder portraitiert hat. Barbara Gass lebt und arbeitet in München.

Die Ausstellung gliedert sich in vier Abschnitte. Neben den Mädchen-Bildern sind 17 Fotografien aus der Serie „miniature“ zu sehen. Kleinformatige, meist quadratische Aufnahmen, in denen die Künstlerin eigene Erfahrungen und Erinnerungen verarbeitet. Ein frisch gepflanztes Apfelbäumchen vor einer Mauer bezieht sich auf ein „Berliner Frühstück“, die Aufnahme einer einsamen, unwirklich auf einer Waldlichtungen platzierten Brücke in venezianischem Stil trägt den Titel „Am Morgen“ und die karge Baumreihe neben einem Gehöft in neblig-schmutziger Schneelandschaft soll gedanklich zu einem Tempel führen. Es sind elegische Bilder, mit denen die Künstlerin in der ihr eigenen, poetischen Betrachtung versucht, den Betrachter in ihre Gedankenwelt zu locken. Das gelingt nicht immer.

Breiten Raum nehmen die zwischen 1976 und 2004 entstandenen Portraits des Schriftstellers, Regisseurs und Malers Herbert Achternbusch ein, denen im ersten Stock der Seidlvilla ein eigener Raum gewidmet ist. Eine in Buchendorf entstandene Aufnahme zeigt Achternbusch am Tisch sitzend als versonnenen jungen Mann. Und mit Wehrmachtshelm auf dem Kopf bei den Dreharbeiten zu dem Film „Heilt Hitler“ wirkt er fast surreal.

Im Eingangsbereich sind vier großformatige Arbeiten zu sehen,darunter ein Stillleben mit Quitten und ein Fotogramm, für das Gass ein Hemd – so auch der Titel des Bildes – auf Fotopapier ausgebreitet und belichtet hat.

Die Ausstellung ist sehr speziell, bleibt in Teilen rätselhaft. Barbara Gass zeigt in durchwegs analogen Schwarz-Weiß-Fotografien einen sehr persönlichen, lyrischen Blick auf eine gelegentlich zufällig scheinende Welt. Zuweilen sieht man, ohne ihr zu folgen.

 

Bis zum 28. Februar 2014 in der Seidlvilla, Nikolaiplatz 1b in München, täglich von 12 bis 19 Uhr, Eintritt frei.

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